Gunnar Drucklieb • 21. Juni 2025

Resilienz, die Kunst nicht zu zerbrechen

Es gibt ein Wort, das sich wie ein stiller Fels in die Sprache der psychologischen Gegenwart eingeschrieben hat – Resilienz. Oft mechanisch übersetzt mit „psychischer Widerstandskraft“, beinahe wie ein Panzer gegen das Leben. Doch das greift zu kurz. Denn wahre Resilienz ist nicht das starre Aushalten, nicht das disziplinierte Weitermachen inmitten von Schmerz. Sie ist nicht der eiserne Wille, der alles überrollt, sondern eher das biegsame Schilfrohr am Ufer des Sturms, das sich neigt und dennoch nicht bricht.


Resilienz bedeutet, das Leben zu umarmen – auch dort, wo es reißt und schneidet. Es ist die Kunst, in der Zerstörung keinen Feind zu sehen, sondern einen Lehrer. Wer resilient ist, hat nicht weniger Schmerz erfahren – vielleicht sogar mehr. Doch diese Menschen haben sich erlaubt, zu fühlen, zu verzweifeln, zu verlieren. Und sie haben sich entschieden: nicht als Opfer daraus hervorzugehen, sondern als Mensch. Nicht härter, sondern weicher. Nicht verbittert, sondern bewusster.


In der Tiefe der Psychologie verstehen wir Resilienz nicht als angeborene Fähigkeit, sondern als inneres Wachstum, das im Spannungsfeld zwischen Vulnerabilität und Bewältigungskraft entsteht. Es ist kein statisches Merkmal, sondern ein lebendiger Prozess, ein Werden, ein Reifen. Und vor allem: eine Beziehung. Eine Beziehung zu uns selbst, zu unserer Geschichte, zu unseren Wunden – und letztlich zu unserer Hoffnung.


Carl Gustav Jung schrieb einmal: „Ich bin nicht das, was mir passiert ist, ich bin das, was ich entscheide zu werden.“ Und genau dort wurzelt Resilienz – in dieser tiefen Entscheidung, sich nicht definieren zu lassen durch das, was uns zustößt, sondern durch das, was wir daraus machen. Sie beginnt dort, wo wir lernen, uns zu halten, wenn das Leben uns fallen lässt. Wo wir nicht nach Stärke im Außen suchen, sondern im Inneren einen Ort schaffen, der uns nicht verlässt, wenn alles andere geht.


Resilienz ist der Moment, in dem ein Mensch nach einem Verlust nicht nur trauert, sondern auch dankt. Nicht weil es leicht ist, sondern weil es wahr ist. Es ist die Fähigkeit, Bedeutung zu finden im Chaos, Sinn im Schmerz, Würde in der Wunde.


Und es ist zutiefst menschlich. Denn jede*r, der lebt, kennt Brüche. Das Leben ist kein sanfter Fluss – es ist Wildwasser. Und Resilienz ist nicht das Vermeiden der Stromschnellen, sondern das Vertrauen, dass man schwimmen lernt. Nicht, weil man muss. Sondern weil man kann.


Psychologisch betrachtet ist Resilienz auch neurobiologisch verankert. Sie lebt in unserem Nervensystem, in der Art, wie unser Gehirn auf Stress reagiert, wie unser Körper reguliert, wie wir uns selbst beruhigen. Der Vagusnerv, dieser stille Dirigent zwischen Herz, Bauch und Hirn, spielt dabei eine tragende Rolle. Und so zeigt sich Resilienz auch in der Fähigkeit, sich nach einem Schock selbst zu regulieren – nicht in der Vermeidung von Gefühlen, sondern in der Integration von Erlebtem.


Doch jenseits aller Modelle, Skalen und Therapieansätze bleibt Resilienz eine zutiefst persönliche Reise. Eine Bewegung von innen nach außen – und wieder zurück. Sie wächst in der Dunkelheit, im Nicht-Wissen, im Loslassen alter Antworten. Und sie zeigt sich oft dort am stärksten, wo niemand hinschaut: im wiederholten Aufstehen, im stillen Mut, im ersten tiefen Atemzug nach dem Weinen.


Wer resilient ist, lebt nicht unbedingt ein leichteres Leben. Aber vielleicht ein echteres. Und ein bedeutungsvolleres. Denn Resilienz ist nicht das Ziel – sie ist der Weg. Der Weg zu einer menschlicheren, wahrhaftigeren Form von Stärke. Eine Stärke, die sich nicht in Kontrolle misst, sondern in Hingabe. Nicht in Unverwundbarkeit, sondern in Berührbarkeit.


Vielleicht ist Resilienz am Ende nichts anderes als ein leises Flüstern der Seele:

„Du darfst zerfallen – und du wirst dich neu zusammensetzen. Anders. Tiefer. Wahrer.“


In einer Welt, die uns täglich sagt, dass wir schneller, besser, erfolgreicher sein sollen, ist Resilienz der stille Akt des Widerstands: zu fühlen, zu sein, zu bestehen – mitten im Unvollkommenen. Und in dieser Akzeptanz des Unplanbaren liegt nicht Schwäche, sondern eine tiefe Form von Weisheit.



Resilienz verkörpern – Rituale und Übungen für die innere Rückverbindung


Resilienz ist keine Idee. Sie ist ein Erleben, ein verkörperter Zustand, der geübt werden will wie ein Instrument. Und wie bei jeder guten Musik beginnt auch diese innere Melodie mit dem ersten, bewussten Atemzug.



Naturmeditation zur Rückverbindung


Diese Übung kannst du allein in einem Wald, auf einer Wiese oder sogar im Park durchführen. Wichtig ist nur: Lass dein Handy aus. Lass dich ein.


Anleitung:


  1. Wähle einen Ort, der dich anspricht. Es muss kein kraftvoller Kraftort sein – manchmal ist es einfach ein Baum, der dich ruft. Setze dich dort hin, lehne dich vielleicht an seinen Stamm oder lege dich ins Gras.
  2. Schließe die Augen. Atme. Spüre, wie dein Körper von unten getragen wird. Nimm den Boden unter dir wahr. Sage innerlich: Ich bin gehalten.
  3. Atme in den Bauch hinein. Lasse den Atem tief durch dich fließen, ohne ihn zu kontrollieren. Nur beobachten. Du bist nicht hier, um etwas zu leisten. Du bist hier, um zu sein.
  4. Wenn Gedanken kommen, nimm sie wahr, wie Blätter, die auf einem Fluss treiben. Sie gehören dazu – aber du bist nicht dein Gedanke. Kehre sanft zum Atem zurück.
  5. Stelle dir vor, dass die Erde unter dir dich mit jedem Atemzug mit neuer Kraft füllt. Vielleicht siehst du Wurzeln, die dich nähren. Vielleicht hörst du eine Stimme in dir, die sagt: Du darfst dich ausruhen. Du musst es nicht allein tragen.
  6. Nach 15–20 Minuten öffne die Augen. Sieh dich um. Spüre, wie du anders in dieser Welt sitzt – bewusster, ruhiger, vielleicht ein bisschen mehr du selbst.


🌿 Diese Übung kannst du so oft wie möglich machen. Denn Resilienz entsteht nicht in der Theorie, sondern in der Praxis der Präsenz.



Räucherritual für innere Stärke


Ein einfaches, kraftvolles Ritual mit heimischen Pflanzen – um dich selbst an deine Fähigkeit zur Wandlung zu erinnern. Du brauchst:


  • Beifuß (für Reinigung und Erdung)
  • Johanniskraut (für Licht und innere Sonne)
  • Wacholdernadeln (für Schutz und Mut)
  • Ein feuerfestes Gefäß, Kohle oder Räucherstövchen


Ritualverlauf:

  1. Bereite deinen Raum vor. Zünde eine Kerze an, schaffe eine klare Atmosphäre. Vielleicht möchtest du Musik spielen oder in Stille verweilen.
  2. Zünde die Räucherkohle oder dein Stövchen an und lege die Kräuter nacheinander auf. Lass den Rauch aufsteigen und mit ihm alles, was du gerade loslassen möchtest.
  3. Gehe mit der Schale (oder der Feder) um deinen Körper. Beginne unten bei den Füßen, dann über die Beine, den Bauch, das Herz, bis über den Kopf.
  4. Sprich dabei laut oder leise:
    „Ich lasse los, was mich klein macht. Ich nehme zurück, was mir gehört. Ich erinnere mich an meine Kraft.“
  5. Setze dich danach in die Mitte des Rauchs. Atme tief ein. Spüre, wie der Duft durch dein System zieht – nicht um etwas zu verdrängen, sondern um dich zu erinnern: Du bist mehr als dein Schmerz.



Symbolische Anker – Resilienz im Alltag


Wenn du möchtest, kannst du dir einen kleinen Gegenstand wählen – einen Stein, ein Stück Holz, ein altes Schmuckstück. Lade diesen Gegenstand während deines Räucherrituals mit einer klaren Intention auf:


„Du erinnerst mich an das, was bleibt, wenn alles geht.“


Trage ihn bei dir, wann immer du das Gefühl hast, dich selbst zu verlieren. Es ist erstaunlich, wie viel Kraft in einem kleinen Symbol wohnen kann, wenn es mit Bedeutung erfüllt wird.



Ein letzter Gedanke


Resilienz ist keine Superkraft. Sie ist eine Rückkehr. Eine Rückkehr zu dem, was in dir schon immer wusste, wie Leben geht. Sie ist der Raum zwischen Reiz und Reaktion – der Ort, an dem du dich entscheiden kannst. Für Vertrauen. Für Sanftheit. Für dich selbst.


Wenn du magst, dann geh heute hinaus. Setze dich still unter einen Baum. Atme. Und vielleicht spürst du dann für einen kurzen Moment:


Nicht du trägst das Leben – das Leben trägt dich.

Und das ist der Beginn der wahren Resilienz.



.

von gdrucklieb • 15. September 2026
Wir haben uns in unserer modernen Welt daran gewöhnt, den Menschen aufzuteilen. Da ist der Körper, für den die Medizin zuständig ist. Da ist die Psyche, mit der wir zum Psychologen oder Psychotherapeuten gehen. Und irgendwo daneben befindet sich noch etwas, das wir Seele, Geist oder Spiritualität nennen und für das unsere Gesellschaft keinen ganz eindeutigen Ort mehr kennt. Diese Aufteilung ist praktisch und hat zweifellos dazu beigetragen, dass wir Krankheiten heute erkennen und behandeln können, an denen Menschen früher gestorben wären. Und doch entsteht dadurch ein merkwürdiges Bild vom Menschen, als bestünden wir aus verschiedenen Abteilungen, die möglichst wenig miteinander zu tun haben. Der Begriff Psychosomatik beginnt bereits, diese Trennung wieder infrage zu stellen. „Psyche“ und „Soma“, Seele beziehungsweise Geist und Körper, werden miteinander in Beziehung gesetzt. Wir wissen heute sehr genau, dass chronischer Stress nicht nur ein Gedanke ist. Angst findet nicht ausschließlich im Kopf statt. Trauer ist keine rein geistige Angelegenheit. All diese Erfahrungen verändern unseren Körper. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Schlaf, Verdauung, hormonelle Prozesse und das autonome Nervensystem reagieren auf die Welt, in der wir leben, und auf die Art, wie wir diese Welt erleben. Ebenso wirkt der Körper zurück auf unser seelisches Erleben. Der Mensch ist kein Geist, der zufällig in einem Körper wohnt. Er ist ein lebendiges Ganzes. Und genau an dieser Stelle wird Psychosomatik aus schamanischer Sicht interessant. Denn in einem schamanisch geprägten Weltverständnis ist die Vorstellung eines isolierten Menschen ohnehin fremd. Der Mensch existiert nicht unabhängig von seiner Umgebung, seiner Gemeinschaft, seiner Geschichte und seinen Beziehungen. Er steht in Verbindung. Mit anderen Menschen, mit seiner Herkunft, mit den Tieren, Pflanzen und Landschaften, mit den Erfahrungen seines Lebens und schließlich auch mit jenen Bereichen seiner Existenz, für die unsere Sprache manchmal nur unzureichende Begriffe besitzt. Wenn wir den Menschen auf diese Weise betrachten, erscheint die Vorstellung plötzlich gar nicht mehr besonders außergewöhnlich, dass seelische Erfahrungen körperliche Spuren hinterlassen können. Wir kennen das schließlich alle aus unserem eigenen Leben. Angst kann uns den Magen zusammenziehen. Eine Nachricht kann uns im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen wegziehen. Trauer kann sich wie ein Gewicht auf die Brust legen. Unter dauerhafter Anspannung ziehen wir die Schultern hoch, pressen die Zähne zusammen oder schlafen schlecht. Niemand würde ernsthaft behaupten, diese körperlichen Reaktionen seien eingebildet. Der Körper nimmt an unserem Leben teil. Er erlebt unsere Geschichte mit. Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Krankheit eine verborgene spirituelle Botschaft enthält. Gerade an dieser Stelle halte ich Vorsicht für notwendig. Mir begegnet in spirituellen Zusammenhängen immer wieder die Vorstellung, man müsse bei einer Erkrankung lediglich herausfinden, „was die Seele damit sagen möchte“. Rückenschmerzen werden dann zum Zeichen dafür, dass jemand zu viel trägt, Hauterkrankungen zu einem vermeintlichen Abgrenzungsproblem und schwere Erkrankungen schlimmstenfalls zum Ausdruck eines ungelösten seelischen Konflikts erklärt. Solche Deutungen können nicht nur medizinisch falsch sein, sondern für Erkrankte ausgesprochen verletzend werden. Denn plötzlich trägt ein Mensch neben seiner Krankheit auch noch die Vorstellung mit sich herum, er habe sie auf irgendeine Weise selbst verursacht. Eine schamanische Betrachtung, wie ich sie verstehe, sollte einen Menschen nicht kleiner machen und ihm keine Schuld geben. Sie sollte seinen Blick erweitern. Wenn mein Körper erkrankt, gehört deshalb zunächst die körperliche Ebene ernst genommen. Eine Infektion bleibt eine Infektion. Ein Bandscheibenvorfall bleibt ein Bandscheibenvorfall. Eine Autoimmunerkrankung lässt sich nicht dadurch wegdeuten, dass wir eine symbolische Erklärung für sie finden. Medizinische Diagnostik und Behandlung haben ihren Platz, und schamanische Arbeit sollte nicht versuchen, diesen Platz einzunehmen. Doch damit muss unsere Betrachtung des Menschen nicht enden. Wir können zusätzlich fragen, wie es diesem Menschen eigentlich in seinem Leben geht. Unter welchem Druck steht er? Wie schläft er? Welche Beziehungen nähren ihn und welche erschöpfen ihn? Wann hat er zuletzt wirkliche Ruhe erlebt? Gibt es Trauer, die keinen Raum bekommen hat? Gibt es Angst? Lebt dieser Mensch noch in einem Rhythmus, der seinem eigenen Wesen entspricht, oder funktioniert er seit Jahren gegen sich selbst? Hat er das Gefühl, zu seinem Leben zu gehören, zu anderen Menschen, zur Natur und letztlich zu sich selbst? Das Entscheidende dabei ist das Wort „zusätzlich“. Denn damit verändert sich die Perspektive. Wir suchen nicht mehr nach einer geheimen psychischen Ursache für jedes körperliche Leiden. Wir betrachten stattdessen das gesamte Geflecht, in dem ein Mensch lebt. Aus schamanischer Sicht würde ich dieses Geflecht noch weiter fassen. Unsere moderne Kultur hat Verbindung zu etwas gemacht, das wir offenbar gelegentlich herstellen müssen. Wir fahren am Wochenende in die Natur, um „wieder Verbindung zu bekommen“. Wir meditieren, um „bei uns anzukommen“. Wir besuchen Seminare, um unseren Körper wieder zu spüren. Allein diese Formulierungen erzählen bereits eine erstaunliche Geschichte. Offenbar empfinden viele Menschen ihren gewöhnlichen Alltag als einen Zustand, in dem genau diese Verbindung nicht selbstverständlich vorhanden ist. Ein schamanisches Weltverständnis würde die Frage möglicherweise vollkommen anders stellen. Nicht: Wie stelle ich Verbindung her? Sondern: Wie konnte ich vergessen, dass ich verbunden bin? Damit bekommt auch der Körper eine andere Bedeutung. Er ist nicht nur das biologische Fahrzeug, das uns möglichst störungsfrei durch unseren Alltag transportieren soll. Er ist die unmittelbarste Form unserer Beziehung zur Welt. Durch ihn frieren wir im Wind, riechen Erde nach einem Regenschauer, spüren die Hand eines anderen Menschen, erleben Angst, Lust, Erschöpfung, Geborgenheit und Schmerz. Der Körper befindet sich immer in der Gegenwart. Unser Denken kann zwanzig Jahre zurückreisen oder sich Sorgen über die nächsten zehn Jahre machen. Der Körper sitzt währenddessen hier. Das macht ihn auf eine eigenartige Weise ehrlich. Nicht unfehlbar und nicht mystisch allwissend, aber ehrlich in seiner Reaktion. Wer über Monate unter Spannung lebt, kann irgendwann feststellen, dass sein Körper diese Spannung längst übernommen hat. Die Schultern sind hochgezogen, der Kiefer angespannt, die Atmung flach. Der Mensch sagt möglicherweise noch: „Es geht schon.“ Sein Körper erzählt gleichzeitig: „Es ist viel.“ Darin liegt für mich eine der interessantesten Brücken zwischen moderner Psychosomatik und einer schamanischen Betrachtung des Menschen. Wir müssen den Körper nicht mystifizieren, um ihm zuzuhören. Und Zuhören bedeutet nicht automatisch Interpretieren. Wenn ich während einer schamanischen Arbeit meinen Körper bewusst wahrnehme und eine Enge in meiner Brust entdecke, muss ich daraus nicht sofort eine große Geschichte machen. Ich kann zunächst bei dieser Wahrnehmung bleiben. Wie fühlt sie sich an? Wann kenne ich dieses Gefühl? Was geschieht, wenn ich ihm Raum gebe? Welche Erinnerung taucht auf? Welches Bild? Welche Emotion? Oder geschieht überhaupt nichts? Manchmal ist eine Spannung eben eine Spannung. Und manchmal öffnet sich dahinter eine ganze Landschaft. Genau diese Offenheit scheint mir wesentlich zu sein. Der schamanische Weg muss nicht darin bestehen, für jedes Symptom eine Erklärung zu besitzen. Im Gegenteil. Eine ernsthafte spirituelle Praxis sollte unsere Fähigkeit erhöhen, das Nichtwissen auszuhalten. Wir begegnen dem, was da ist, bevor wir entscheiden, was es bedeutet. Dadurch verändert sich auch unser Verhältnis zu Krankheit. Krankheit ist dann weder Feind noch automatisch Lehrer. Auch die häufig gehörte spirituelle Behauptung, jede Krankheit sei eine Chance, empfinde ich als problematisch. Wer starke Schmerzen hat, schwer erkrankt ist oder um sein Leben fürchtet, braucht nicht zwingend jemanden, der ihm erklärt, welches Wachstumspotenzial darin verborgen liegt. Krankheit darf zunächst einfach Krankheit sein. Schmerz darf Schmerz sein. Und dennoch können wir uns fragen, was diese Erfahrung mit unserem Leben macht. Nicht: „Warum habe ich diese Krankheit erschaffen?“ Sondern: „Was zeigt mir mein gegenwärtiges Leben über mich?“ Das ist eine vollkommen andere Frage. Sie enthält keine Schuld. Sie öffnet einen Raum. Möglicherweise liegt genau dort die schamanische Dimension der Psychosomatik. Nicht in einer Tabelle, in der jedem Organ eine seelische Bedeutung zugeordnet wird. Nicht in der Behauptung, man könne Krankheiten durch die richtige spirituelle Erkenntnis beseitigen. Sondern in der Rückkehr zu einem Menschenbild, das den Menschen nicht auseinanderreißt. Körper, Psyche, Beziehungen, Biografie, Gemeinschaft, Landschaft und Spiritualität sind keine voneinander hermetisch abgeschlossenen Räume. Sie berühren und beeinflussen einander. Manche dieser Zusammenhänge können wir wissenschaftlich sehr gut beschreiben. Andere erleben wir subjektiv. Und wieder andere bleiben geheimnisvoll. Ein schamanischer Weg muss dieses Geheimnis nicht auflösen. Er kann uns vielmehr lehren, darin wieder aufmerksam zu werden. Wir müssen dafür nicht zurück in eine Vergangenheit, in der Krankheit ausschließlich mit Geistern, Flüchen oder unsichtbaren Mächten erklärt wurde. Ebenso wenig müssen wir in einem Menschenbild verharren, in dem der Körper lediglich eine Maschine ist, deren defektes Bauteil repariert werden muss. Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein erstaunlich weiter Raum. Dort steht wieder ein Mensch. Ein Mensch mit einem Körper, einer Geschichte, Beziehungen, Ängsten, Erinnerungen, Wünschen und einer tiefen biologischen Zugehörigkeit zu dieser Welt. Ein Mensch, dessen Körper nicht gegen ihn arbeitet, nur weil er Symptome entwickelt. Und auch kein Körper, dessen jedes Symptom entschlüsselt werden müsste wie eine geheime Nachricht.  Manchmal braucht der Körper Medizin. Manchmal braucht die Psyche Unterstützung. Manchmal braucht ein Mensch Ruhe, Berührung, Gemeinschaft, Natur, Trauer, ein Ritual oder schlicht jemanden, der wirklich zuhört. Und manchmal braucht er mehrere dieser Dinge gleichzeitig. Für mich beginnt genau dort eine schamanische Sicht auf Psychosomatik: nicht mit der Suche nach einer spirituellen Erklärung für Krankheit, sondern mit der Erinnerung daran, dass der Mensch nie aus voneinander getrennten Einzelteilen bestanden hat. Dass unser Körper unsere Lebensgeschichte begleitet, unsere Umwelt auf uns wirkt und unser inneres Erleben nicht irgendwo außerhalb unserer Biologie stattfindet. Heilung bedeutet dann nicht zwangsläufig, dass jedes Symptom verschwindet. Heilung kann auch bedeuten, wieder in Beziehung zu kommen – zum eigenen Körper, zur eigenen Geschichte, zu anderen Menschen und zu jener lebendigen Welt, von der wir nie wirklich getrennt waren.
von Gunnar Drucklieb • 31. August 2026
Können wir in Europa echte Schamanen sein?