Können wir in Europa echte Schamanen sein?
Diese Frage begleitet mich schon lange, und je länger ich mich mit Schamanismus beschäftige, desto weniger gefällt mir die schnelle Antwort darauf. Natürlich könnten wir einfach sagen: Ja. Jeder Mensch kann schamanisch arbeiten, also kann auch jeder Mensch ein Schamane sein. Wir könnten es uns damit angenehm machen. Wir könnten trommeln, räuchern, schamanische Reisen unternehmen, Krafttiere suchen, Rituale gestalten und irgendwann das Wort „Schamane“ auf unsere Visitenkarte schreiben. Nur beantwortet das die eigentliche Frage nicht. Denn die Frage lautet nicht, ob wir in Europa schamanische Techniken anwenden können. Natürlich können wir das. Die viel unbequemere Frage lautet: Macht uns das zu Schamanen?
Wenn wir ehrlich hinschauen, müssen wir zunächst etwas anerkennen, das in der modernen spirituellen Szene gern übergangen wird: Wir leben nicht in einer schamanischen Kultur. Die meisten von uns sind nicht in Gemeinschaften aufgewachsen, in denen schamanisches Wissen selbstverständlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Wir wurden nicht als Kinder von Menschen umgeben, für die die Beziehung zu Ahnen, Geistern, Landschaften und einer nicht-alltäglichen Wirklichkeit genauso selbstverständlich zum Leben gehörte wie die sichtbare Welt. Unsere gesellschaftliche Wirklichkeit ist eine andere. Und genau an dieser Stelle beginnt für mich das Problem mit dem Wunsch, ein „echter Schamane“ sein zu wollen. Denn sehr schnell beginnen wir, nach etwas zu greifen, das nicht aus unserer eigenen Lebenswelt stammt. Dann tragen Menschen plötzlich Kleidung, deren kulturelle Bedeutung sie kaum kennen. Sie verwenden Begriffe indigener Völker, arbeiten mit deren Symbolen, übernehmen Zeremonien, singen Lieder aus Kulturen, deren Sprache sie nicht sprechen, und erschaffen sich daraus eine spirituelle Identität. Das kann aus einer tiefen und durchaus ehrlichen Sehnsucht entstehen. Und trotzdem bleibt die Frage: Warum glauben wir eigentlich, dass wir etwas Fremdes kopieren müssen, um etwas Echtes zu finden?
Ich glaube, dass genau darin einer der großen Irrtümer des westlichen Schamanismus liegt. Wir suchen das Ursprüngliche in der Ferne, weil wir den Zugang zum Ursprünglichen vor unserer eigenen Haustür verloren haben. Dabei ist die Erde unter unseren Füßen nicht weniger Erde als die eines sibirischen Schamanen oder eines indigenen Heilers im Amazonasgebiet. Der Wind, der durch eine norddeutsche Heide zieht, ist nicht weniger wirklich. Ein alter Buchenwald ist nicht weniger lebendig. Unsere Geburt ist nicht weniger geheimnisvoll, unser Sterben nicht weniger endgültig, unsere Trauer nicht weniger tief und unsere Sehnsucht nach Verbindung nicht weniger menschlich. Die grundlegenden Erfahrungen, aus denen schamanisches Denken entstanden ist, gehören keinem einzelnen Volk. Natur, Tod, Krankheit, Heilung, Traum, Ekstase, Gemeinschaft, Angst, Liebe, Übergang und die Erfahrung einer Wirklichkeit, die größer erscheint als unser alltägliches Ich, begleiten Menschen, seit es Menschen gibt. Was Kulturen daraus gemacht haben, ist allerdings verschieden. Und diese Unterscheidung halte ich für entscheidend.
Wir dürfen die menschliche Fähigkeit zu schamanischer Erfahrung nicht mit den konkreten Traditionen einzelner Kulturen verwechseln. Eine bestimmte Zeremonie kann einem Volk gehören. Eine bestimmte Kosmologie kann aus einer ganz bestimmten Landschaft, Geschichte und Gemeinschaft hervorgegangen sein. Ein Lied kann heilig sein, gerade weil Generationen von Menschen es getragen haben. Das sollten wir achten. Aber die Fähigkeit des Menschen, sein Bewusstsein zu verändern, mit inneren und nicht-alltäglichen Erfahrungsräumen in Beziehung zu treten, Natur als Gegenüber zu erleben und aus solchen Erfahrungen Erkenntnis zu gewinnen, ist sehr viel grundlegender. Genau dort beginnt für mich die eigentlich interessante Frage nach einem Schamanismus in Europa. Nicht die Frage, wie wir wieder so werden können wie Menschen vor tausend oder zweitausend Jahren, sondern wie eine schamanische Praxis aussehen könnte, die wirklich aus unserer heutigen europäischen Wirklichkeit heraus entsteht.
Denn ich glaube nicht, dass unsere Aufgabe darin besteht, Vergangenheit nachzuspielen. Wir wissen schlicht zu wenig über viele vorchristliche spirituelle Praktiken Europas, um daraus ohne große Lücken einen authentischen, geschlossenen europäischen Schamanismus rekonstruieren zu können. Natürlich gibt es archäologische Funde, Mythen, Überlieferungen, Volksbräuche und faszinierende Spuren alter Vorstellungen. Aber zwischen einer Spur und einer lebendigen Tradition liegen manchmal Jahrhunderte des Schweigens. Wenn wir diese Lücken mit unseren eigenen Vorstellungen füllen und anschließend behaupten, wir hätten eine uralte Tradition wiederentdeckt, bewegen wir uns schnell von Spiritualität in Richtung Wunschgeschichte. Ich finde, wir brauchen diese Geschichte gar nicht. Wir müssen keine tausend Jahre alte Legitimation erfinden, um heute eine tiefe Beziehung zur Natur entwickeln zu dürfen. Wir brauchen keinen erfundenen spirituellen Stammbaum, um mit veränderten Bewusstseinszuständen zu arbeiten. Wir müssen uns auch keinen indianischen Namen geben, keine sibirische Tradition nachspielen und keine vermeintlich keltische Zeremonie rekonstruieren, deren tatsächliche historische Grundlage wir kaum kennen.
Wir dürfen im 21. Jahrhundert leben. Mitten in Europa. Mit unseren Städten, unseren Autobahnen, unseren Krankenhäusern, unserer Wissenschaft, unseren psychologischen Erkenntnissen, unseren Smartphones und gleichzeitig mit Wäldern, Mooren, Flüssen, Tieren, Jahreszeiten, Geburt und Tod. Genau das ist unsere Wirklichkeit. Und ein Schamanismus, der hier entstehen will, muss dieser Wirklichkeit standhalten. Er darf Wissenschaft nicht zum Feind erklären, nur weil sie unbequeme Fragen stellt. Er darf Psychologie nicht ignorieren, weil sich manches vermeintlich Spirituelle auch als Projektion, Wunschdenken oder Ego erklären lässt. Im Gegenteil: Wer heute ernsthaft schamanisch arbeiten möchte, braucht aus meiner Sicht ein sehr feines Unterscheidungsvermögen. Nicht jedes innere Bild ist eine Botschaft. Nicht jede intensive Emotion ist Heilung. Nicht jede Synchronizität ist ein Zeichen des Universums. Und nicht jeder Mensch, der nach einem Wochenende eine Trommel besitzt, hat deshalb plötzlich den Auftrag, andere Menschen zu führen.
Gerade darin liegt für mich Verantwortung. Schamanische Arbeit bedeutet nicht, möglichst viel Außergewöhnliches zu erleben. Sie bedeutet, mit außergewöhnlichen Erfahrungen so umzugehen, dass sie das gewöhnliche Leben klarer machen. Wenn ich nach einer schamanischen Reise meine Beziehungen schlechter führe als vorher, wenn ich mich meinen Mitmenschen überlegen fühle, weil ich angeblich mehr sehe als sie, wenn ich jede Kritik als „negative Energie“ abwehre und jede unangenehme Realität spirituell umdeute, dann sollte ich mich fragen, wohin mein Weg mich eigentlich geführt hat. Ein spiritueller Weg, der mich immer weiter von der Welt entfernt, hat möglicherweise nicht mein Bewusstsein erweitert, sondern nur meinem Ego eine interessantere Geschichte gegeben.
Für mich zeigt sich die Qualität schamanischer Arbeit deshalb nicht daran, wie spektakulär jemand von seinen Reisen erzählen kann. Sie zeigt sich danach, mitten im Alltag. Darin, wie ein Mensch mit Konflikten umgeht, wie er Verantwortung übernimmt, wie er mit Macht umgeht, wie er anderen Menschen begegnet, wie sehr er seine eigenen Schatten erkennen kann, ob er zuhören kann, ob er Zweifel aushält und ob er irgendwann auch sagen kann: „Ich weiß es nicht.“ Gerade dieser Satz fehlt mir manchmal in der Spiritualität. Für mich ist er kein Zeichen mangelnder spiritueller Entwicklung. Er kann eines ihrer reifsten Zeichen sein. Denn wenn wir uns mit Bereichen beschäftigen, die sich unserer normalen Wahrnehmung entziehen, brauchen wir Demut. Wir dürfen Erfahrungen ernst nehmen, ohne sofort eine absolute Wahrheit daraus zu machen. Ich kann sagen: „Ich habe etwas erlebt.“ Das ist etwas vollkommen anderes als zu behaupten: „So ist die Welt.“
Genau in diesem Zwischenraum könnte ein zeitgemäßer europäischer Schamanismus entstehen. Zwischen Erfahrung und Zweifel, zwischen alter Weisheit und moderner Erkenntnis, zwischen Natur und Stadt, zwischen Spiritualität und Psychologie, zwischen dem Wissen unserer Vorfahren und der Tatsache, dass wir ihre Welt nicht mehr vollständig kennen. Und damit komme ich zurück zur Ausgangsfrage: Können wir in Europa echte Schamanen sein? Ich weiß nicht, ob „Schamane“ überhaupt das Wort ist, an dem wir uns so sehr festhalten sollten. Je länger ich diesen Weg gehe, desto weniger wichtig erscheint mir der Titel. Denn sobald ich unbedingt ein Schamane sein möchte, entsteht bereits eine Identität, die verteidigt werden will. Dann brauche ich Bestätigung. Ich brauche Zeichen. Ich brauche möglicherweise besondere Kleidung, besondere Geschichten, besondere Fähigkeiten oder Menschen, die mir glauben, dass ich etwas Besonderes bin. Doch was geschieht, wenn wir all das weglassen? Was bleibt von meinem Schamanismus übrig, wenn niemand mich Schamane nennt? Was bleibt, wenn ich keine Trommel in der Hand halte? Was bleibt, wenn niemand meine spirituellen Erfahrungen bewundert? Was bleibt, wenn ich einfach nur morgens allein am Rand eines Waldes stehe, der Nebel zwischen den Bäumen hängt und kein Mensch weiß, dass ich dort bin?
Für mich beginnt es genau dort interessant zu werden. Denn möglicherweise brauchen wir in Europa gar nicht mehr Menschen, die Schamanen sein wollen. Wir brauchen Menschen, die wieder lernen zuzuhören. Der Natur, ihrem Körper, ihren Träumen, ihren Ängsten, den Menschen um sie herum, der Stille und auch jenen Erfahrungen, für die unsere Sprache manchmal keine guten Begriffe besitzt. Wir brauchen Menschen, die bereit sind, ihr Bewusstsein zu erforschen, ohne dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren. Menschen, die alte Traditionen achten, ohne sie zu kopieren. Menschen, die Wissenschaft nicht bekämpfen und Spiritualität trotzdem nicht auf das Messbare reduzieren. Menschen, die begreifen, dass Verbundenheit keine romantische Idee ist, sondern Verantwortung bedeutet.
Wenn daraus irgendwann etwas entsteht, das wir europäischen Schamanismus nennen möchten, dann sollte es meines Erachtens kein wiederbelebtes Museum sein. Es sollte etwas Lebendiges sein. Etwas, das seine Wurzeln kennt, ohne eine Vergangenheit zu erfinden. Etwas, das von anderen Kulturen lernen kann, ohne sie zu kopieren. Etwas, das unsere eigene Landschaft wieder ernst nimmt und gleichzeitig versteht, dass wir Menschen unserer heutigen Zeit sind. Wir müssen deshalb nicht zurück. Nicht nach Sibirien. Nicht zu den Germanen. Nicht zu den Kelten. Nicht in irgendeine romantisierte Vergangenheit, in der angeblich noch alles verbunden und heilig war. Wir müssen hier anfangen. In unserem eigenen Leben, auf unserem eigenen Boden, mit unserer eigenen Geschichte und auch mit all den Brüchen, die dazugehören.
Und möglicherweise ist genau das die ehrlichste Form von Schamanismus, die in Europa heute entstehen kann: kein kopierter Schamanismus, kein behaupteter Schamanismus und kein Schamanismus als spirituelle Identität, sondern eine neue, verantwortungsvolle Erfahrungsform, die aus der Begegnung zwischen uralten menschlichen Fähigkeiten und unserer heutigen Welt wächst. Ob wir die Menschen, die diesen Weg ernsthaft gehen, am Ende „echte Schamanen“ nennen müssen, erscheint mir dabei immer unwichtiger. Denn wer einen Weg wirklich geht, braucht irgendwann das Schild am Wegesrand nicht mehr, auf dem steht, wie dieser Weg heißt.




