Gunnar Drucklieb • 31. August 2026

Können wir in Europa echte Schamanen sein?


Diese Frage begleitet mich schon lange, und je länger ich mich mit Schamanismus beschäftige, desto weniger gefällt mir die schnelle Antwort darauf. Natürlich könnten wir einfach sagen: Ja. Jeder Mensch kann schamanisch arbeiten, also kann auch jeder Mensch ein Schamane sein. Wir könnten es uns damit angenehm machen. Wir könnten trommeln, räuchern, schamanische Reisen unternehmen, Krafttiere suchen, Rituale gestalten und irgendwann das Wort „Schamane“ auf unsere Visitenkarte schreiben. Nur beantwortet das die eigentliche Frage nicht. Denn die Frage lautet nicht, ob wir in Europa schamanische Techniken anwenden können. Natürlich können wir das. Die viel unbequemere Frage lautet: Macht uns das zu Schamanen?



Wenn wir ehrlich hinschauen, müssen wir zunächst etwas anerkennen, das in der modernen spirituellen Szene gern übergangen wird: Wir leben nicht in einer schamanischen Kultur. Die meisten von uns sind nicht in Gemeinschaften aufgewachsen, in denen schamanisches Wissen selbstverständlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Wir wurden nicht als Kinder von Menschen umgeben, für die die Beziehung zu Ahnen, Geistern, Landschaften und einer nicht-alltäglichen Wirklichkeit genauso selbstverständlich zum Leben gehörte wie die sichtbare Welt. Unsere gesellschaftliche Wirklichkeit ist eine andere. Und genau an dieser Stelle beginnt für mich das Problem mit dem Wunsch, ein „echter Schamane“ sein zu wollen. Denn sehr schnell beginnen wir, nach etwas zu greifen, das nicht aus unserer eigenen Lebenswelt stammt. Dann tragen Menschen plötzlich Kleidung, deren kulturelle Bedeutung sie kaum kennen. Sie verwenden Begriffe indigener Völker, arbeiten mit deren Symbolen, übernehmen Zeremonien, singen Lieder aus Kulturen, deren Sprache sie nicht sprechen, und erschaffen sich daraus eine spirituelle Identität. Das kann aus einer tiefen und durchaus ehrlichen Sehnsucht entstehen. Und trotzdem bleibt die Frage: Warum glauben wir eigentlich, dass wir etwas Fremdes kopieren müssen, um etwas Echtes zu finden?


Ich glaube, dass genau darin einer der großen Irrtümer des westlichen Schamanismus liegt. Wir suchen das Ursprüngliche in der Ferne, weil wir den Zugang zum Ursprünglichen vor unserer eigenen Haustür verloren haben. Dabei ist die Erde unter unseren Füßen nicht weniger Erde als die eines sibirischen Schamanen oder eines indigenen Heilers im Amazonasgebiet. Der Wind, der durch eine norddeutsche Heide zieht, ist nicht weniger wirklich. Ein alter Buchenwald ist nicht weniger lebendig. Unsere Geburt ist nicht weniger geheimnisvoll, unser Sterben nicht weniger endgültig, unsere Trauer nicht weniger tief und unsere Sehnsucht nach Verbindung nicht weniger menschlich. Die grundlegenden Erfahrungen, aus denen schamanisches Denken entstanden ist, gehören keinem einzelnen Volk. Natur, Tod, Krankheit, Heilung, Traum, Ekstase, Gemeinschaft, Angst, Liebe, Übergang und die Erfahrung einer Wirklichkeit, die größer erscheint als unser alltägliches Ich, begleiten Menschen, seit es Menschen gibt. Was Kulturen daraus gemacht haben, ist allerdings verschieden. Und diese Unterscheidung halte ich für entscheidend.


Wir dürfen die menschliche Fähigkeit zu schamanischer Erfahrung nicht mit den konkreten Traditionen einzelner Kulturen verwechseln. Eine bestimmte Zeremonie kann einem Volk gehören. Eine bestimmte Kosmologie kann aus einer ganz bestimmten Landschaft, Geschichte und Gemeinschaft hervorgegangen sein. Ein Lied kann heilig sein, gerade weil Generationen von Menschen es getragen haben. Das sollten wir achten. Aber die Fähigkeit des Menschen, sein Bewusstsein zu verändern, mit inneren und nicht-alltäglichen Erfahrungsräumen in Beziehung zu treten, Natur als Gegenüber zu erleben und aus solchen Erfahrungen Erkenntnis zu gewinnen, ist sehr viel grundlegender. Genau dort beginnt für mich die eigentlich interessante Frage nach einem Schamanismus in Europa. Nicht die Frage, wie wir wieder so werden können wie Menschen vor tausend oder zweitausend Jahren, sondern wie eine schamanische Praxis aussehen könnte, die wirklich aus unserer heutigen europäischen Wirklichkeit heraus entsteht.


Denn ich glaube nicht, dass unsere Aufgabe darin besteht, Vergangenheit nachzuspielen. Wir wissen schlicht zu wenig über viele vorchristliche spirituelle Praktiken Europas, um daraus ohne große Lücken einen authentischen, geschlossenen europäischen Schamanismus rekonstruieren zu können. Natürlich gibt es archäologische Funde, Mythen, Überlieferungen, Volksbräuche und faszinierende Spuren alter Vorstellungen. Aber zwischen einer Spur und einer lebendigen Tradition liegen manchmal Jahrhunderte des Schweigens. Wenn wir diese Lücken mit unseren eigenen Vorstellungen füllen und anschließend behaupten, wir hätten eine uralte Tradition wiederentdeckt, bewegen wir uns schnell von Spiritualität in Richtung Wunschgeschichte. Ich finde, wir brauchen diese Geschichte gar nicht. Wir müssen keine tausend Jahre alte Legitimation erfinden, um heute eine tiefe Beziehung zur Natur entwickeln zu dürfen. Wir brauchen keinen erfundenen spirituellen Stammbaum, um mit veränderten Bewusstseinszuständen zu arbeiten. Wir müssen uns auch keinen indianischen Namen geben, keine sibirische Tradition nachspielen und keine vermeintlich keltische Zeremonie rekonstruieren, deren tatsächliche historische Grundlage wir kaum kennen.


Wir dürfen im 21. Jahrhundert leben. Mitten in Europa. Mit unseren Städten, unseren Autobahnen, unseren Krankenhäusern, unserer Wissenschaft, unseren psychologischen Erkenntnissen, unseren Smartphones und gleichzeitig mit Wäldern, Mooren, Flüssen, Tieren, Jahreszeiten, Geburt und Tod. Genau das ist unsere Wirklichkeit. Und ein Schamanismus, der hier entstehen will, muss dieser Wirklichkeit standhalten. Er darf Wissenschaft nicht zum Feind erklären, nur weil sie unbequeme Fragen stellt. Er darf Psychologie nicht ignorieren, weil sich manches vermeintlich Spirituelle auch als Projektion, Wunschdenken oder Ego erklären lässt. Im Gegenteil: Wer heute ernsthaft schamanisch arbeiten möchte, braucht aus meiner Sicht ein sehr feines Unterscheidungsvermögen. Nicht jedes innere Bild ist eine Botschaft. Nicht jede intensive Emotion ist Heilung. Nicht jede Synchronizität ist ein Zeichen des Universums. Und nicht jeder Mensch, der nach einem Wochenende eine Trommel besitzt, hat deshalb plötzlich den Auftrag, andere Menschen zu führen.


Gerade darin liegt für mich Verantwortung. Schamanische Arbeit bedeutet nicht, möglichst viel Außergewöhnliches zu erleben. Sie bedeutet, mit außergewöhnlichen Erfahrungen so umzugehen, dass sie das gewöhnliche Leben klarer machen. Wenn ich nach einer schamanischen Reise meine Beziehungen schlechter führe als vorher, wenn ich mich meinen Mitmenschen überlegen fühle, weil ich angeblich mehr sehe als sie, wenn ich jede Kritik als „negative Energie“ abwehre und jede unangenehme Realität spirituell umdeute, dann sollte ich mich fragen, wohin mein Weg mich eigentlich geführt hat. Ein spiritueller Weg, der mich immer weiter von der Welt entfernt, hat möglicherweise nicht mein Bewusstsein erweitert, sondern nur meinem Ego eine interessantere Geschichte gegeben.


Für mich zeigt sich die Qualität schamanischer Arbeit deshalb nicht daran, wie spektakulär jemand von seinen Reisen erzählen kann. Sie zeigt sich danach, mitten im Alltag. Darin, wie ein Mensch mit Konflikten umgeht, wie er Verantwortung übernimmt, wie er mit Macht umgeht, wie er anderen Menschen begegnet, wie sehr er seine eigenen Schatten erkennen kann, ob er zuhören kann, ob er Zweifel aushält und ob er irgendwann auch sagen kann: „Ich weiß es nicht.“ Gerade dieser Satz fehlt mir manchmal in der Spiritualität. Für mich ist er kein Zeichen mangelnder spiritueller Entwicklung. Er kann eines ihrer reifsten Zeichen sein. Denn wenn wir uns mit Bereichen beschäftigen, die sich unserer normalen Wahrnehmung entziehen, brauchen wir Demut. Wir dürfen Erfahrungen ernst nehmen, ohne sofort eine absolute Wahrheit daraus zu machen. Ich kann sagen: „Ich habe etwas erlebt.“ Das ist etwas vollkommen anderes als zu behaupten: „So ist die Welt.“

Genau in diesem Zwischenraum könnte ein zeitgemäßer europäischer Schamanismus entstehen. Zwischen Erfahrung und Zweifel, zwischen alter Weisheit und moderner Erkenntnis, zwischen Natur und Stadt, zwischen Spiritualität und Psychologie, zwischen dem Wissen unserer Vorfahren und der Tatsache, dass wir ihre Welt nicht mehr vollständig kennen. Und damit komme ich zurück zur Ausgangsfrage: Können wir in Europa echte Schamanen sein? Ich weiß nicht, ob „Schamane“ überhaupt das Wort ist, an dem wir uns so sehr festhalten sollten. Je länger ich diesen Weg gehe, desto weniger wichtig erscheint mir der Titel. Denn sobald ich unbedingt ein Schamane sein möchte, entsteht bereits eine Identität, die verteidigt werden will. Dann brauche ich Bestätigung. Ich brauche Zeichen. Ich brauche möglicherweise besondere Kleidung, besondere Geschichten, besondere Fähigkeiten oder Menschen, die mir glauben, dass ich etwas Besonderes bin. Doch was geschieht, wenn wir all das weglassen? Was bleibt von meinem Schamanismus übrig, wenn niemand mich Schamane nennt? Was bleibt, wenn ich keine Trommel in der Hand halte? Was bleibt, wenn niemand meine spirituellen Erfahrungen bewundert? Was bleibt, wenn ich einfach nur morgens allein am Rand eines Waldes stehe, der Nebel zwischen den Bäumen hängt und kein Mensch weiß, dass ich dort bin?


Für mich beginnt es genau dort interessant zu werden. Denn möglicherweise brauchen wir in Europa gar nicht mehr Menschen, die Schamanen sein wollen. Wir brauchen Menschen, die wieder lernen zuzuhören. Der Natur, ihrem Körper, ihren Träumen, ihren Ängsten, den Menschen um sie herum, der Stille und auch jenen Erfahrungen, für die unsere Sprache manchmal keine guten Begriffe besitzt. Wir brauchen Menschen, die bereit sind, ihr Bewusstsein zu erforschen, ohne dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren. Menschen, die alte Traditionen achten, ohne sie zu kopieren. Menschen, die Wissenschaft nicht bekämpfen und Spiritualität trotzdem nicht auf das Messbare reduzieren. Menschen, die begreifen, dass Verbundenheit keine romantische Idee ist, sondern Verantwortung bedeutet.

Wenn daraus irgendwann etwas entsteht, das wir europäischen Schamanismus nennen möchten, dann sollte es meines Erachtens kein wiederbelebtes Museum sein. Es sollte etwas Lebendiges sein. Etwas, das seine Wurzeln kennt, ohne eine Vergangenheit zu erfinden. Etwas, das von anderen Kulturen lernen kann, ohne sie zu kopieren. Etwas, das unsere eigene Landschaft wieder ernst nimmt und gleichzeitig versteht, dass wir Menschen unserer heutigen Zeit sind. Wir müssen deshalb nicht zurück. Nicht nach Sibirien. Nicht zu den Germanen. Nicht zu den Kelten. Nicht in irgendeine romantisierte Vergangenheit, in der angeblich noch alles verbunden und heilig war. Wir müssen hier anfangen. In unserem eigenen Leben, auf unserem eigenen Boden, mit unserer eigenen Geschichte und auch mit all den Brüchen, die dazugehören.


Und möglicherweise ist genau das die ehrlichste Form von Schamanismus, die in Europa heute entstehen kann: kein kopierter Schamanismus, kein behaupteter Schamanismus und kein Schamanismus als spirituelle Identität, sondern eine neue, verantwortungsvolle Erfahrungsform, die aus der Begegnung zwischen uralten menschlichen Fähigkeiten und unserer heutigen Welt wächst. Ob wir die Menschen, die diesen Weg ernsthaft gehen, am Ende „echte Schamanen“ nennen müssen, erscheint mir dabei immer unwichtiger. Denn wer einen Weg wirklich geht, braucht irgendwann das Schild am Wegesrand nicht mehr, auf dem steht, wie dieser Weg heißt.

von gdrucklieb • 15. September 2026
Wir haben uns in unserer modernen Welt daran gewöhnt, den Menschen aufzuteilen. Da ist der Körper, für den die Medizin zuständig ist. Da ist die Psyche, mit der wir zum Psychologen oder Psychotherapeuten gehen. Und irgendwo daneben befindet sich noch etwas, das wir Seele, Geist oder Spiritualität nennen und für das unsere Gesellschaft keinen ganz eindeutigen Ort mehr kennt. Diese Aufteilung ist praktisch und hat zweifellos dazu beigetragen, dass wir Krankheiten heute erkennen und behandeln können, an denen Menschen früher gestorben wären. Und doch entsteht dadurch ein merkwürdiges Bild vom Menschen, als bestünden wir aus verschiedenen Abteilungen, die möglichst wenig miteinander zu tun haben. Der Begriff Psychosomatik beginnt bereits, diese Trennung wieder infrage zu stellen. „Psyche“ und „Soma“, Seele beziehungsweise Geist und Körper, werden miteinander in Beziehung gesetzt. Wir wissen heute sehr genau, dass chronischer Stress nicht nur ein Gedanke ist. Angst findet nicht ausschließlich im Kopf statt. Trauer ist keine rein geistige Angelegenheit. All diese Erfahrungen verändern unseren Körper. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Schlaf, Verdauung, hormonelle Prozesse und das autonome Nervensystem reagieren auf die Welt, in der wir leben, und auf die Art, wie wir diese Welt erleben. Ebenso wirkt der Körper zurück auf unser seelisches Erleben. Der Mensch ist kein Geist, der zufällig in einem Körper wohnt. Er ist ein lebendiges Ganzes. Und genau an dieser Stelle wird Psychosomatik aus schamanischer Sicht interessant. Denn in einem schamanisch geprägten Weltverständnis ist die Vorstellung eines isolierten Menschen ohnehin fremd. Der Mensch existiert nicht unabhängig von seiner Umgebung, seiner Gemeinschaft, seiner Geschichte und seinen Beziehungen. Er steht in Verbindung. Mit anderen Menschen, mit seiner Herkunft, mit den Tieren, Pflanzen und Landschaften, mit den Erfahrungen seines Lebens und schließlich auch mit jenen Bereichen seiner Existenz, für die unsere Sprache manchmal nur unzureichende Begriffe besitzt. Wenn wir den Menschen auf diese Weise betrachten, erscheint die Vorstellung plötzlich gar nicht mehr besonders außergewöhnlich, dass seelische Erfahrungen körperliche Spuren hinterlassen können. Wir kennen das schließlich alle aus unserem eigenen Leben. Angst kann uns den Magen zusammenziehen. Eine Nachricht kann uns im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen wegziehen. Trauer kann sich wie ein Gewicht auf die Brust legen. Unter dauerhafter Anspannung ziehen wir die Schultern hoch, pressen die Zähne zusammen oder schlafen schlecht. Niemand würde ernsthaft behaupten, diese körperlichen Reaktionen seien eingebildet. Der Körper nimmt an unserem Leben teil. Er erlebt unsere Geschichte mit. Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Krankheit eine verborgene spirituelle Botschaft enthält. Gerade an dieser Stelle halte ich Vorsicht für notwendig. Mir begegnet in spirituellen Zusammenhängen immer wieder die Vorstellung, man müsse bei einer Erkrankung lediglich herausfinden, „was die Seele damit sagen möchte“. Rückenschmerzen werden dann zum Zeichen dafür, dass jemand zu viel trägt, Hauterkrankungen zu einem vermeintlichen Abgrenzungsproblem und schwere Erkrankungen schlimmstenfalls zum Ausdruck eines ungelösten seelischen Konflikts erklärt. Solche Deutungen können nicht nur medizinisch falsch sein, sondern für Erkrankte ausgesprochen verletzend werden. Denn plötzlich trägt ein Mensch neben seiner Krankheit auch noch die Vorstellung mit sich herum, er habe sie auf irgendeine Weise selbst verursacht. Eine schamanische Betrachtung, wie ich sie verstehe, sollte einen Menschen nicht kleiner machen und ihm keine Schuld geben. Sie sollte seinen Blick erweitern. Wenn mein Körper erkrankt, gehört deshalb zunächst die körperliche Ebene ernst genommen. Eine Infektion bleibt eine Infektion. Ein Bandscheibenvorfall bleibt ein Bandscheibenvorfall. Eine Autoimmunerkrankung lässt sich nicht dadurch wegdeuten, dass wir eine symbolische Erklärung für sie finden. Medizinische Diagnostik und Behandlung haben ihren Platz, und schamanische Arbeit sollte nicht versuchen, diesen Platz einzunehmen. Doch damit muss unsere Betrachtung des Menschen nicht enden. Wir können zusätzlich fragen, wie es diesem Menschen eigentlich in seinem Leben geht. Unter welchem Druck steht er? Wie schläft er? Welche Beziehungen nähren ihn und welche erschöpfen ihn? Wann hat er zuletzt wirkliche Ruhe erlebt? Gibt es Trauer, die keinen Raum bekommen hat? Gibt es Angst? Lebt dieser Mensch noch in einem Rhythmus, der seinem eigenen Wesen entspricht, oder funktioniert er seit Jahren gegen sich selbst? Hat er das Gefühl, zu seinem Leben zu gehören, zu anderen Menschen, zur Natur und letztlich zu sich selbst? Das Entscheidende dabei ist das Wort „zusätzlich“. Denn damit verändert sich die Perspektive. Wir suchen nicht mehr nach einer geheimen psychischen Ursache für jedes körperliche Leiden. Wir betrachten stattdessen das gesamte Geflecht, in dem ein Mensch lebt. Aus schamanischer Sicht würde ich dieses Geflecht noch weiter fassen. Unsere moderne Kultur hat Verbindung zu etwas gemacht, das wir offenbar gelegentlich herstellen müssen. Wir fahren am Wochenende in die Natur, um „wieder Verbindung zu bekommen“. Wir meditieren, um „bei uns anzukommen“. Wir besuchen Seminare, um unseren Körper wieder zu spüren. Allein diese Formulierungen erzählen bereits eine erstaunliche Geschichte. Offenbar empfinden viele Menschen ihren gewöhnlichen Alltag als einen Zustand, in dem genau diese Verbindung nicht selbstverständlich vorhanden ist. Ein schamanisches Weltverständnis würde die Frage möglicherweise vollkommen anders stellen. Nicht: Wie stelle ich Verbindung her? Sondern: Wie konnte ich vergessen, dass ich verbunden bin? Damit bekommt auch der Körper eine andere Bedeutung. Er ist nicht nur das biologische Fahrzeug, das uns möglichst störungsfrei durch unseren Alltag transportieren soll. Er ist die unmittelbarste Form unserer Beziehung zur Welt. Durch ihn frieren wir im Wind, riechen Erde nach einem Regenschauer, spüren die Hand eines anderen Menschen, erleben Angst, Lust, Erschöpfung, Geborgenheit und Schmerz. Der Körper befindet sich immer in der Gegenwart. Unser Denken kann zwanzig Jahre zurückreisen oder sich Sorgen über die nächsten zehn Jahre machen. Der Körper sitzt währenddessen hier. Das macht ihn auf eine eigenartige Weise ehrlich. Nicht unfehlbar und nicht mystisch allwissend, aber ehrlich in seiner Reaktion. Wer über Monate unter Spannung lebt, kann irgendwann feststellen, dass sein Körper diese Spannung längst übernommen hat. Die Schultern sind hochgezogen, der Kiefer angespannt, die Atmung flach. Der Mensch sagt möglicherweise noch: „Es geht schon.“ Sein Körper erzählt gleichzeitig: „Es ist viel.“ Darin liegt für mich eine der interessantesten Brücken zwischen moderner Psychosomatik und einer schamanischen Betrachtung des Menschen. Wir müssen den Körper nicht mystifizieren, um ihm zuzuhören. Und Zuhören bedeutet nicht automatisch Interpretieren. Wenn ich während einer schamanischen Arbeit meinen Körper bewusst wahrnehme und eine Enge in meiner Brust entdecke, muss ich daraus nicht sofort eine große Geschichte machen. Ich kann zunächst bei dieser Wahrnehmung bleiben. Wie fühlt sie sich an? Wann kenne ich dieses Gefühl? Was geschieht, wenn ich ihm Raum gebe? Welche Erinnerung taucht auf? Welches Bild? Welche Emotion? Oder geschieht überhaupt nichts? Manchmal ist eine Spannung eben eine Spannung. Und manchmal öffnet sich dahinter eine ganze Landschaft. Genau diese Offenheit scheint mir wesentlich zu sein. Der schamanische Weg muss nicht darin bestehen, für jedes Symptom eine Erklärung zu besitzen. Im Gegenteil. Eine ernsthafte spirituelle Praxis sollte unsere Fähigkeit erhöhen, das Nichtwissen auszuhalten. Wir begegnen dem, was da ist, bevor wir entscheiden, was es bedeutet. Dadurch verändert sich auch unser Verhältnis zu Krankheit. Krankheit ist dann weder Feind noch automatisch Lehrer. Auch die häufig gehörte spirituelle Behauptung, jede Krankheit sei eine Chance, empfinde ich als problematisch. Wer starke Schmerzen hat, schwer erkrankt ist oder um sein Leben fürchtet, braucht nicht zwingend jemanden, der ihm erklärt, welches Wachstumspotenzial darin verborgen liegt. Krankheit darf zunächst einfach Krankheit sein. Schmerz darf Schmerz sein. Und dennoch können wir uns fragen, was diese Erfahrung mit unserem Leben macht. Nicht: „Warum habe ich diese Krankheit erschaffen?“ Sondern: „Was zeigt mir mein gegenwärtiges Leben über mich?“ Das ist eine vollkommen andere Frage. Sie enthält keine Schuld. Sie öffnet einen Raum. Möglicherweise liegt genau dort die schamanische Dimension der Psychosomatik. Nicht in einer Tabelle, in der jedem Organ eine seelische Bedeutung zugeordnet wird. Nicht in der Behauptung, man könne Krankheiten durch die richtige spirituelle Erkenntnis beseitigen. Sondern in der Rückkehr zu einem Menschenbild, das den Menschen nicht auseinanderreißt. Körper, Psyche, Beziehungen, Biografie, Gemeinschaft, Landschaft und Spiritualität sind keine voneinander hermetisch abgeschlossenen Räume. Sie berühren und beeinflussen einander. Manche dieser Zusammenhänge können wir wissenschaftlich sehr gut beschreiben. Andere erleben wir subjektiv. Und wieder andere bleiben geheimnisvoll. Ein schamanischer Weg muss dieses Geheimnis nicht auflösen. Er kann uns vielmehr lehren, darin wieder aufmerksam zu werden. Wir müssen dafür nicht zurück in eine Vergangenheit, in der Krankheit ausschließlich mit Geistern, Flüchen oder unsichtbaren Mächten erklärt wurde. Ebenso wenig müssen wir in einem Menschenbild verharren, in dem der Körper lediglich eine Maschine ist, deren defektes Bauteil repariert werden muss. Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein erstaunlich weiter Raum. Dort steht wieder ein Mensch. Ein Mensch mit einem Körper, einer Geschichte, Beziehungen, Ängsten, Erinnerungen, Wünschen und einer tiefen biologischen Zugehörigkeit zu dieser Welt. Ein Mensch, dessen Körper nicht gegen ihn arbeitet, nur weil er Symptome entwickelt. Und auch kein Körper, dessen jedes Symptom entschlüsselt werden müsste wie eine geheime Nachricht.  Manchmal braucht der Körper Medizin. Manchmal braucht die Psyche Unterstützung. Manchmal braucht ein Mensch Ruhe, Berührung, Gemeinschaft, Natur, Trauer, ein Ritual oder schlicht jemanden, der wirklich zuhört. Und manchmal braucht er mehrere dieser Dinge gleichzeitig. Für mich beginnt genau dort eine schamanische Sicht auf Psychosomatik: nicht mit der Suche nach einer spirituellen Erklärung für Krankheit, sondern mit der Erinnerung daran, dass der Mensch nie aus voneinander getrennten Einzelteilen bestanden hat. Dass unser Körper unsere Lebensgeschichte begleitet, unsere Umwelt auf uns wirkt und unser inneres Erleben nicht irgendwo außerhalb unserer Biologie stattfindet. Heilung bedeutet dann nicht zwangsläufig, dass jedes Symptom verschwindet. Heilung kann auch bedeuten, wieder in Beziehung zu kommen – zum eigenen Körper, zur eigenen Geschichte, zu anderen Menschen und zu jener lebendigen Welt, von der wir nie wirklich getrennt waren.
von Gunnar Drucklieb • 5. Juli 2026
Wächst der Mensch durch Antworten oder durch Fragen? Ein tiefgründiger philosophischer und schamanischer Impuls über Selbstreflexion und Entwicklung.