Mensch sein

Zwischen Nähe und Freiheit, Liebe und Verlust, Verantwortung

und der Frage, wie wir miteinander leben wollen.


Mensch zu sein klingt zunächst wie etwas Selbstverständliches. Wir werden geboren, wachsen heran, begegnen anderen Menschen, lieben, streiten, hoffen, verlieren, beginnen neu und versuchen währenddessen herauszufinden, was dieses eine Leben eigentlich von uns verlangt. Und doch gehört das Menschsein für mich zu den größten Rätseln überhaupt. Denn wir sind nicht einfach nur da. Wir wissen, dass wir da sind. Wir können über uns selbst nachdenken, uns erinnern, Zukunft entwerfen und unserem eigenen Leben Bedeutung geben. Wir können lieben und verletzen, Nähe suchen und im nächsten Augenblick vor ihr zurückschrecken. Wir sehnen uns nach Freiheit und wünschen uns gleichzeitig Sicherheit. Wir möchten dazugehören und trotzdem wir selbst bleiben. Vielleicht liegt gerade in diesen Widersprüchen etwas zutiefst Menschliches.


Keiner von uns lebt für sich allein. Selbst der Mensch, der sich zurückzieht, trägt andere Menschen in sich. Eltern, Partnerinnen und Partner, Kinder, Freunde, Lehrer, Menschen, die uns geprägt haben, und manchmal auch jene, an denen wir uns gerieben haben. Wir entstehen nicht im luftleeren Raum. Ein Teil dessen, was wir für unser eigenes Ich halten, ist in Beziehungen gewachsen. Durch Zuwendung und Ablehnung, Vertrauen und Enttäuschung, Anerkennung und Verletzung haben wir gelernt, wer wir zu sein glauben und wie sicher oder unsicher sich die Welt für uns anfühlt.


Deshalb gehört Beziehung für mich zu den großen Schulen des Menschseins. Nirgendwo begegnen wir uns selbst so unmittelbar wie in der Nähe zu einem anderen Menschen. Liebe kann Geborgenheit schenken und zugleich unsere empfindlichsten Stellen berühren. Sie kann uns wachsen lassen, aber sie kann uns auch zeigen, wo wir festhalten, kontrollieren oder Erwartungen an einen anderen Menschen richten, die eigentlich etwas mit uns selbst zu tun haben. Wirkliche Nähe bedeutet nicht, miteinander zu verschmelzen. Sie braucht zwei Menschen, die einander begegnen können, ohne sich selbst dabei zu verlieren.


Darin liegt eine eigenartige Spannung zwischen Verbundenheit und Freiheit. Wir brauchen andere Menschen und müssen dennoch lernen, unser eigenes Leben zu führen. Wir möchten gesehen werden, können aber nicht verlangen, dass ein anderer Mensch uns vollständig versteht. Wir wünschen uns Sicherheit, obwohl jede wirkliche Beziehung Veränderung in sich trägt. Menschen entwickeln sich. Bedürfnisse verändern sich. Lebenswege verschieben sich. Was gestern noch selbstverständlich erschien, kann morgen eine neue Antwort verlangen.


Mensch sein bedeutet deshalb auch, Verantwortung zu übernehmen. Für das eigene Handeln, für Entscheidungen und für die Spuren, die wir im Leben anderer hinterlassen. Verantwortung heißt für mich jedoch nicht, für alles verantwortlich zu sein. Gerade darin liegt ein wichtiger Unterschied. Wir können einem Menschen nahe sein, ohne sein Leben für ihn führen zu können. Wir können helfen, begleiten, zuhören und manchmal einfach bleiben. Aber wir können einem anderen weder seine Entscheidungen noch seine Entwicklung abnehmen.


Gleichzeitig endet Verantwortung nicht an der Grenze unseres persönlichen Lebens. Wir leben in Gemeinschaften, in einer Gesellschaft und in einer Zeit, die uns prägt und die wiederum von unserem Handeln geprägt wird. Bewusst zu leben bedeutet für mich deshalb auch, hinzusehen, was um uns herum geschieht. Wie gehen wir mit Menschen um, die anders leben als wir? Wie viel Freiheit gestehen wir anderen zu? Wo beginnt Gleichgültigkeit? Was bedeutet Würde? Wann müssen wir widersprechen? Und welche Welt hinterlassen wir denen, die nach uns kommen?


Spiritualität, die nur nach innen schaut, bleibt für mich unvollständig. Was wir über Mitgefühl, Verbundenheit oder Bewusstsein erzählen, muss irgendwann im wirklichen Leben sichtbar werden. Im Umgang mit einem Menschen, der uns widerspricht. In unserer Bereitschaft zuzuhören. Darin, Grenzen zu setzen. In der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Und manchmal auch darin, nicht wegzusehen, wenn andere Menschen ihre Würde oder Freiheit verlieren.


Doch zum Menschsein gehört nicht nur das gemeinsame Leben. Es gehört auch das Verlieren dazu. Wir verlieren Menschen, Beziehungen, Sicherheiten, Möglichkeiten und irgendwann auch Teile der Vorstellung davon, wer wir einmal sein wollten. Abschied begleitet jedes Leben. Manchmal leise und beinahe unbemerkt, manchmal so gewaltig, dass sich die Welt danach nicht mehr so zusammensetzen lässt wie zuvor. Trauer ist für mich deshalb keine Störung des Lebens. Sie ist eine Folge davon, dass uns etwas bedeutet hat. Wo keine Verbindung gewesen wäre, gäbe es auch keinen Verlust.


Und über all diesen Abschieden steht die Endlichkeit unseres eigenen Lebens. Wir wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist, und verbringen dennoch erstaunlich viel davon so, als wäre sie unendlich. Der Tod ist dabei nicht nur das Ende des Lebens. Das Wissen um ihn verändert auch die Bedeutung dessen, was davor liegt. Wenn Zeit nicht unbegrenzt vorhanden ist, bekommen Entscheidungen ein anderes Gewicht. Dann wird die Frage wichtig, womit wir unsere Tage verbringen, welchen Menschen wir unsere Aufmerksamkeit schenken und welche Dinge wir immer wieder auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.


Gerade darin liegt für mich eine der tiefsten Fragen des Menschseins: nicht nur, wie lange ein Mensch lebt, sondern wie er die Zeit bewohnt, die ihm gegeben ist.


Vielleicht brauchen wir deshalb auch keine endgültige Antwort darauf, was ein gelungenes Leben ist. Für den einen bedeutet es Familie, für einen anderen Freiheit. Für manche besteht es im Erschaffen, für andere im Bewahren. Menschen finden Sinn in Beziehungen, Arbeit, Natur, Kunst, Spiritualität, Verantwortung, Neugier oder darin, für etwas einzustehen, das größer ist als sie selbst. Und manchmal verändert sich die Antwort im Laufe eines Lebens vollständig.


Mensch zu sein bedeutet für mich deshalb nicht, irgendwann fertig zu werden. Es bedeutet, sich immer wieder in Beziehung zu setzen: zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu der Zeit, in der wir leben.


Wir werden lieben und enttäuscht werden. Wir werden Menschen verlieren und neue kennenlernen. Wir werden Entscheidungen treffen, von denen sich manche als richtig und andere als Irrtum erweisen. Wir werden Nähe brauchen und Freiheit suchen. Wir werden scheitern, vergeben, zweifeln, lachen, trauern und immer wieder anfangen.

Vielleicht besteht die eigentliche Kunst des Menschseins nicht darin, all diese Widersprüche aufzulösen.


Sondern darin, mitten in ihnen ein Leben zu führen, das wirklich unseres ist – und dabei nicht zu vergessen, dass wir es niemals allein führen.