Bewusst leben
Dem eigenen Leben aufmerksam begegnen – sich selbst,
anderen Menschen und der Welt, deren Teil wir sind.
Bewusst zu leben bedeutet für mich nicht, ständig über das Leben nachzudenken. Es bedeutet auch nicht, jeden Augenblick achtsam zu beobachten, immer an sich zu arbeiten oder einer bestimmten spirituellen Vorstellung zu folgen. Bewusstes Leben beginnt für mich viel einfacher und gleichzeitig viel anspruchsvoller: mit der Bereitschaft, hinzusehen. Auf das, was in uns geschieht. Auf die Menschen, mit denen wir unser Leben teilen. Auf die Welt, in der wir leben. Und auf die Frage, ob die Art, wie wir leben, eigentlich noch mit dem übereinstimmt, was uns wirklich wichtig ist.
Wir Menschen besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, uns an unser eigenes Leben zu gewöhnen. Wir entwickeln Routinen, übernehmen Rollen, treffen Entscheidungen und bauen uns Vorstellungen davon auf, wer wir sind und wie die Welt funktioniert. Vieles davon ist notwendig. Ohne Gewohnheiten könnten wir unseren Alltag kaum bewältigen. Doch manchmal werden aus diesen Gewohnheiten Wege, auf denen wir weitergehen, obwohl wir längst nicht mehr wissen, weshalb. Wir funktionieren, reagieren, erfüllen Erwartungen und bemerken irgendwann, dass zwischen dem Leben, das wir führen, und dem Leben, das wir eigentlich führen möchten, eine leise Entfernung entstanden ist. Bewusstseinsentwicklung beginnt für mich dort, wo wir diese Entfernung wahrnehmen.
Dabei geht es nicht darum, sich ständig verbessern zu müssen. Der Gedanke, aus uns müsse immer noch eine erfolgreichere, ausgeglichenere oder spirituellere Version werden, kann selbst zu einer Form von Unfreiheit werden. Persönliche Entwicklung bedeutet für mich deshalb nicht permanente Selbstoptimierung. Sie bedeutet, sich selbst zunehmend klarer zu erkennen. Die eigenen Stärken ebenso wie die eigenen Verletzlichkeiten, unsere Wünsche und Ängste, unsere Muster, unsere Widersprüche und auch jene Seiten an uns, die wir lieber nicht betrachten würden. Nicht alles davon muss verändert werden. Manches möchte zunächst einfach verstanden werden.
Aus diesem Grund ruht mein Verständnis von bewusstem Leben auf drei miteinander verbundenen Bereichen: Innere Klarheit, Mensch sein und Verbundenheit. Sie beschreiben keine voneinander getrennten Wege. Sie sind unterschiedliche Blickrichtungen auf dasselbe Leben.
Innere Klarheit richtet den Blick auf uns selbst. Auf die Frage, was uns bewegt, weshalb wir reagieren, wie wir reagieren, und welche Geschichten wir über uns selbst erzählen. Hier begegnen uns Ego und Identität, Angst und Mut, Scheitern und Neubeginn, Demut, Wandlung und die Suche nach Sinn. Psychologische und philosophische Gedanken spielen dabei ebenso eine Rolle wie persönliche Erfahrung. Innere Klarheit bedeutet für mich nicht, irgendwann frei von Widersprüchen zu sein. Sie bedeutet, diese Widersprüche wahrnehmen zu können und dadurch mehr Freiheit darin zu gewinnen, wie wir mit ihnen umgehen.
Doch kein Mensch entwickelt sich ausschließlich in seinem Inneren. Wir leben in Beziehungen. Wir lieben, streiten, vertrauen, enttäuschen, verlieren, vergeben, grenzen uns ab und suchen gleichzeitig nach Zugehörigkeit. Deshalb gehört das Menschsein untrennbar zur Bewusstseinsentwicklung. Wie gehen wir miteinander um? Was bedeutet Freiheit, wenn wir gleichzeitig Verantwortung füreinander tragen? Was geschieht mit Liebe, wenn Menschen sich verändern? Wie begegnen wir Verlust, Abschied und unserer eigenen Endlichkeit? Und welche Verantwortung haben wir nicht nur für unser persönliches Leben, sondern auch für die Gesellschaft und die Zeit, in der wir leben? Spiritualität, die ausschließlich nach innen schaut, bleibt für mich unvollständig. Was wir über Bewusstsein, Mitgefühl oder Menschlichkeit denken, muss irgendwann darin sichtbar werden, wie wir tatsächlich leben.
Die dritte Blickrichtung ist die Verbundenheit. Wir Menschen existieren nicht losgelöst von unserer Umwelt. Wir sind Teil der Natur, Teil einer Geschichte und Teil von Zusammenhängen, die weit über unser individuelles Leben hinausreichen. Naturverbundenheit, Wahrnehmung, Stille, unsere Herkunft und unsere Beziehung zu früheren Generationen gehören für mich ebenso dazu wie die Frage, was wir denen hinterlassen, die nach uns kommen.
Hier hat auch der Schamanismus weiterhin einen wichtigen Platz in meinem Leben und Denken. Ich verstehe ihn jedoch nicht als Gegenentwurf zur modernen Welt und nicht als Flucht in eine vermeintlich höhere Wirklichkeit. Schamanische Praxis kann eine Möglichkeit sein, Wahrnehmung zu verändern, Beziehungen bewusster zu erfahren und Übergänge im Leben sichtbar zu machen. Rituale, schamanische Reisen, Naturerfahrung und die Beschäftigung mit unseren Ahnen können Perspektiven öffnen, die über das rein rationale Denken hinausgehen. Entscheidend ist für mich jedoch nicht, wie außergewöhnlich eine Erfahrung erscheint, sondern was sie im wirklichen Leben verändert.
Genau dort berühren sich für mich Psychologie, Philosophie, Spiritualität und Schamanismus. Sie verwenden unterschiedliche Sprachen und stammen aus unterschiedlichen Traditionen, doch sie beschäftigen sich immer wieder mit ähnlichen Fragen: Wer bin ich? Was prägt mich? Wie möchte ich leben? Was bedeutet es, Mensch zu sein? Womit fühle ich mich verbunden? Was trägt ein Leben, wenn vertraute Sicherheiten verschwinden? Und was bleibt am Ende wirklich bedeutsam?
Ich glaube nicht, dass es auf diese Fragen eine einzige Antwort gibt. Und ich möchte auf dieser Website auch keine liefern.
Bewusst leben soll deshalb kein fertiges Konzept und keine Methode sein. Es ist vielmehr der Raum, in dem ich mich mit diesen Fragen beschäftige. In meinen Texten und meinem Blog, in meinen Büchern, in meinem Podcast, in der Naturfotografie und gelegentlich auch bei Seminaren, Workshops und persönlichen Begegnungen. Manche Gedanken entstehen aus schamanischer Erfahrung, andere aus Psychologie oder Philosophie, manche beim Schreiben und manche draußen in der Natur. Nicht alles davon muss am Ende zu derselben Antwort führen.
Denn Bewusstsein zeigt sich für mich nicht darin, immer mehr Antworten anzusammeln. Manchmal zeigt es sich gerade in der Fähigkeit, eine Frage eine Weile offen zu lassen.
Wir werden unser Leben niemals vollständig verstehen. Wir werden Entscheidungen treffen, die sich später als Irrtum herausstellen. Wir werden Menschen begegnen, die uns verändern, Dinge verlieren, von denen wir glaubten, ohne sie nicht leben zu können, und manchmal Wege verlassen, die lange Zeit richtig für uns waren. Bewusst zu leben schützt uns vor nichts davon.
Aber es kann verändern, wie wir diesen Dingen begegnen.
Und darin liegt für mich der eigentliche Kern von Bewusstseinsentwicklung: nicht aus diesem Leben herauszuwachsen, sondern immer tiefer in ihm anzukommen.



