Gunnar Drucklieb • 28. Mai 2025

Das verbotene Wort

Es gibt Worte, die tragen. Worte, die wärmen wie eine Tasse Tee in einer kalten Nacht. Worte, die uns ein Zuhause geben inmitten all der inneren Wirbelstürme. Und dann gibt es Worte, die wir meiden. Nicht, weil sie falsch wären – sondern weil sie zu wahr sind. Zu direkt. Zu nackt. Man spürt sie eher, als dass man sie hört. Ein Unbehagen. Ein leichtes Ziehen irgendwo im Körper. Ein Moment des Innehaltens, wenn alles eigentlich „gut“ sein sollte.


Vielleicht kennst du das:

Du kommst aus einer Meditation – friedlich, klar – und trotzdem ist da ein Kloß im Hals.

Du hast gerade ein wunderschönes Mantra gesungen – und merkst, dass deine Schultern noch immer hart wie Stein sind.

Du hast jemandem vergeben – aber dein Körper atmet flach, und dein Kiefer ist angespannt, als hätte er etwas zurückgehalten.


Und du fragst dich: Warum ist das noch da?


Zwischen Licht und Schatten


Wir leben in einer Zeit, in der Spiritualität zugänglicher geworden ist als je zuvor. Wir reisen zu Kraftorten, wir machen Visionssuchen, wir lesen Bücher über Schattenarbeit, innere Kinder, Ahnenlinien, Frequenzen, Portaltage und planetare Heilung. Und vieles davon ist wertvoll. Vieles davon berührt uns wirklich.


Doch manchmal…

manchmal liegt zwischen all dem auch eine feine Schicht Nebel.

Ein kaum merklicher Schleier.


Wir sprechen von Heilung – und meinen manchmal das Nicht-Spüren.

Wir sagen Loslassen – und meinen Verdrängen.

Wir wollen höher schwingen – aber es zieht uns heimlich nach unten, zurück zu dem, was wir nicht fühlen wollten.


Und das ist kein Scheitern. Es ist menschlich.


Der Körper spricht zuerst


Bevor dein Verstand etwas versteht – spürt dein Körper es schon.


Er spannt sich an, wenn etwas nicht stimmt.

Er zuckt, wenn eine Wahrheit sich ihren Weg bahnt.

Er friert ein, wenn ein alter Schmerz unbemerkt die Bühne betritt.

Er weint manchmal – ohne dass du weißt, warum.


Während du in Zeremonien sitzt, still und ehrfürchtig, klopft es vielleicht leise im Bauch.

Während du atmest, vibriert etwas im unteren Rücken.

Während du dich „frei“ fühlst, zieht sich dein Becken zusammen.


Der Körper ist kein Werkzeug.

Er ist ein Gefährte.

Ein ehrlicher Zeuge dessen, was in dir wirklich geschieht.


Und oft ist er es, der zuerst merkt, wenn etwas umgangen wird.


Das Umgehen hat viele Gesichter


Manche nennen es „spirituelle Reife“, wenn sie nicht mehr wütend werden. Manche sagen „Ich bin schon durch damit“ – und meinen „Ich möchte da bitte nicht noch mal hin“. Manche schreiben über Schattenarbeit – und meiden doch das Gespräch mit dem eigenen Vater.


Man kann durch hundert schamanische Reisen gehen – und dennoch dem einen Gefühl ausweichen, das sich hartnäckig weigert, integriert zu werden. Man kann stundenlang meditieren – und doch in keiner Sekunde wirklich da sein. Und manchmal sind es gerade die, die am tiefsten im spirituellen Feld stehen, die am geschicktesten darin geworden sind, sich selbst zu täuschen.


Nicht bewusst.

Nicht aus Lüge.

Sondern aus Sehnsucht.


Nach Leichtigkeit. Nach Ankommen. Nach innerem Frieden.


Die stille Einladung zur Ehrlichkeit


Wenn du beim Lesen einen leichten Druck im Brustkorb spürst – bleib.

Wenn du das Gefühl hast, der Text spricht über dich – atme.

Wenn du spürst, dass du dich ein wenig ertappt fühlst – sei sanft mit dir.


Denn dieser Text ist kein Urteil. Er ist eine Einladung. Eine zarte, ruhige Hand auf deiner Schulter, die dir sagt: Schau noch mal hin. Ganz ehrlich. Ganz zärtlich.


Denn vielleicht…

liegt gerade hinter dem, was du am meisten vermeidest, die größte Tür.


Und nun: Das Wort


Du hast es wahrscheinlich längst gespürt.


Es hat sich durch die Zeilen geschlichen. Zwischen Kiefer und Brustkorb. Zwischen Schattenarbeit und Schulterverspannung. Zwischen Vergebung und innerer Unruhe. Jetzt kommt es ans Licht. Nicht als Anklage – sondern als Schlüssel.


Bypassing - Spirituelles Umgehen.


Es passiert, wenn wir Spiritualität nutzen, um dem Leben auszuweichen. Wenn wir Licht über das legen, was eigentlich gehalten werden will. Wenn wir Wissen statt Weisheit sammeln. Wenn wir Transformation wollen – aber nicht leibhaftig verkörpern. Es passiert, wenn der Körper schreit – und wir „Om“ sagen. Wenn der Schmerz spricht – und wir ihn energetisch deuten. Wenn wir spirituelle Sprache verwenden – um nicht fühlen zu müssen, was längst in uns ruft.


Was jetzt?


Vielleicht nichts. Vielleicht alles.


Vielleicht liest du diese Zeilen und zuckst mit den Schultern. Oder vielleicht wird es heute Nacht in dir nachklingen – wie ein Ruf, der langsam seinen Weg durch dich bahnt. Wenn ja – dann öffne dich. Nicht nach oben. Sondern nach innen. Nach unten. Zum Körper. Zum Schatten. Zur Geschichte, die du nicht mehr erzählen wolltest.


Denn genau da beginnt sie wieder:

Die ehrliche, verletzliche, geerdete Spiritualität.

Die nicht blendet – sondern berührt.

Die nicht ausweicht – sondern einlädt.


Vielleicht ist das verbotene Wort kein Urteil.

Sondern ein leiser Hinweis.

Darauf, dass du bereit bist.


Bereit, wirklich zu fühlen.

Bereit, wirklich zu sein.

Bereit, nichts mehr zu umgehen.


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Schamanische Abende – Warum sie für viele Menschen heute so wertvoll geworden sind
von Gunnar Drucklieb 14. Mai 2026
Es gibt eine unangenehme Wahrheit innerhalb der spirituellen Szene, über die nur wenige offen sprechen. Vielleicht weil sie unbequem ist. Vielleicht weil sie viele Menschen triggert. Vielleicht aber auch, weil sie uns zwingt, ehrlicher auf uns selbst zu schauen. Denn nicht alles, was spirituell aussieht, ist wirklich Spiritualität. Und nicht jede Person, die Räucherwerk benutzt, Mantras spricht, schamanische Reisen macht oder von Bewusstsein redet, befindet sich tatsächlich auf einem Weg tiefer Begegnung mit sich selbst. Manchmal geschieht genau das Gegenteil. Manchmal wird Spiritualität zu einer der elegantesten Formen der Flucht. Das klingt hart. Aber wenn wir ehrlich sind, sehen wir es überall. Menschen, die ständig von Licht sprechen, aber nie über ihre Wut. Menschen, die von Liebe reden, aber unfähig sind, echte Nähe auszuhalten. Menschen, die von Heilung sprechen, während sie jeden Konflikt vermeiden. Menschen, die sich „hochentwickelt“ nennen, aber einfache Kritik sofort als Angriff erleben. Menschen, die jede Schwierigkeit energetisieren, anstatt Verantwortung zu übernehmen. Und Menschen, die in Ritualen, Karten, Zeichen und kosmischen Botschaften versinken, weil die Realität ihres eigentlichen Lebens kaum noch auszuhalten ist. Spiritualität kann wunderschön sein. Tief. Transformierend. Heilsam. Sie kann Menschen zurück in Verbindung bringen – mit sich selbst, mit der Natur, mit dem Leben. Aber sie kann eben auch zu einer Bühne werden. Zu einer Identität. Zu einer ästhetischen Verpackung für ungelöste innere Konflikte. Zu einer spirituellen Maske. Und genau dort beginnt etwas Gefährliches. Denn echte Spiritualität macht das Ego nicht größer. Sie macht es durchlässiger. Echter. Ehrlicher. Sie führt nicht automatisch dazu, sich besonders zu fühlen, sondern oft zunächst dazu, sich selbst überhaupt einmal wirklich zu begegnen. Mit all den Anteilen, die man jahrelang verdrängt hat. Mit Scham. Mit Angst. Mit Trauer. Mit Einsamkeit. Mit Wut. Mit dem inneren Chaos. Mit der Erkenntnis, dass man eben nicht immer „im Licht“ ist. Viele Menschen kommen überhaupt erst auf einen spirituellen Weg, weil sie verletzt wurden. Weil etwas in ihrem Leben zerbrochen ist. Eine Beziehung. Eine Identität. Ein Weltbild. Ein Gefühl von Sicherheit. Und daran ist nichts falsch. Im Gegenteil. Schmerz öffnet oft Türen, die vorher verschlossen waren. Krisen können Bewusstsein erweitern. Doch genau an diesem Punkt entsteht eine entscheidende Frage: Nutze ich Spiritualität, um tiefer in mein Menschsein hineinzuwachsen? Oder nutze ich sie, um meinem Menschsein auszuweichen? Das ist ein gewaltiger Unterschied. Denn es gibt eine Form von Spiritualität, die sich anfühlt wie ein schwebender Raum oberhalb des Lebens. Dort wird alles positiv umgedeutet. Alles ist „eine Lektion“. Alles hat „eine hohe Schwingung“. Alles soll leicht sein. Liebevoll. Friedlich. Harmonisch. Aber oft ist diese Harmonie teuer erkauft. Nämlich durch das Verdrängen all dessen, was unbequem ist. Der amerikanische Psychologe John Welwood prägte dafür einmal den Begriff „Spiritual Bypassing“. Spirituelle Umgehung. Gemeint ist damit die Tendenz, spirituelle Konzepte oder Praktiken zu benutzen, um psychischen Schmerz, ungelöste Traumata oder emotionale Konflikte nicht fühlen zu müssen. Und genau das sieht man heute immer häufiger. Da wird meditiert, statt Grenzen zu setzen. Da wird vergeben, obwohl der Schmerz nie verarbeitet wurde. Da wird gelächelt, obwohl der Mensch innerlich zusammenbricht. Da wird ständig „losgelassen“, weil man nie gelernt hat, wirklich zu fühlen. Manche Menschen sprechen stundenlang über Energien, aber können nicht ehrlich sagen: „Ich bin verletzt.“ Manche reden über Bewusstseinserweiterung, aber schaffen es nicht, sich bei einem Menschen zu entschuldigen. Manche wollen die ganze Welt heilen, weil sie der eigenen inneren Leere nicht begegnen wollen. Und genau deshalb ist echte spirituelle Arbeit oft viel bodenständiger, als viele denken. Ein schamanischer Weg beispielsweise bedeutet nicht, ständig in anderen Welten unterwegs zu sein. Er bedeutet nicht, sich aus der Realität zu lösen oder nur noch in Symbolen zu sprechen. Ein echter schamanischer Weg macht das Leben oft unmittelbarer. Ehrlicher. Roh. Man beginnt zu spüren, wo man sich selbst belügt. Wo man Rollen spielt. Wo man sich hinter Konzepten versteckt. Wo man etwas darstellen möchte. Wo das eigene Ego plötzlich sogar die Spiritualität benutzt, um sich überlegen zu fühlen. Denn auch das ist eine der großen Fallen spiritueller Szenen: spiritueller Narzissmus. Die Vorstellung, „weiter“ zu sein als andere. Bewusster. Erwachter. Reiner. Spiritueller. Plötzlich wird Spiritualität nicht mehr zu einem Weg der Verbindung, sondern zu einer subtilen Hierarchie. Menschen vergleichen sich über Bewusstseinszustände, Rituale, Ausbildungen oder „energetische Fähigkeiten“. Und manchmal wirkt genau das erstaunlich unspirituell. Denn je tiefer ein Mensch wirklich wird, desto weniger Bedürfnis entsteht meist, sich über andere zu stellen. Tiefe Menschen wirken oft überraschend normal. Sie müssen nicht ständig beweisen, wie bewusst sie sind. Sie müssen nicht permanent über ihre Spiritualität reden. Sie strahlen etwas anderes aus: Präsenz. Ruhe. Ehrlichkeit. Menschlichkeit. Vielleicht ist genau das eines der stärksten Zeichen echter spiritueller Entwicklung: dass ein Mensch wieder einfacher wird. Weniger Inszenierung. Weniger Fassade. Weniger künstliche Bedeutung. Mehr echtes Leben. Denn Spiritualität zeigt sich nicht nur in Zeremonien oder Ritualen. Sie zeigt sich darin, wie man mit Menschen umgeht. Wie man spricht. Wie man zuhört. Wie man mit Macht umgeht. Wie man mit Fehlern umgeht. Wie man mit Schmerz umgeht. Wie man mit Kritik umgeht. Ob man bereit ist, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Ein Mensch kann stundenlang trommeln und trotzdem emotional unreif sein. Ein Mensch kann hunderte Bücher über Bewusstsein gelesen haben und trotzdem nicht mit Nähe umgehen können. Ein Mensch kann Räucherbündel verkaufen und gleichzeitig tief manipulativ sein. Und gleichzeitig kann ein anderer Mensch zutiefst spirituell sein, ohne jemals dieses Wort zu benutzen. Vielleicht sitzt dieser Mensch morgens einfach still mit einem Kaffee im Garten und betrachtet den Nebel über den Feldern. Vielleicht behandelt er andere Menschen mit Würde. Vielleicht hört er wirklich zu. Vielleicht hat er gelernt, seine Dunkelheit nicht mehr auf andere zu werfen. Vielleicht beginnt genau dort Spiritualität. Nicht im Abheben. Sondern im Ankommen. Nicht im Wegfliegen aus der Welt. Sondern im tieferen Hineingehen. Denn ein echter Weg führt selten nur nach oben. Oft führt er zuerst nach unten. In die eigenen Schatten. In verdrängte Gefühle. In Unsicherheit. In Angst. In alte Wunden. Das ist nicht glamourös. Nicht Instagram-tauglich. Nicht immer schön. Aber es ist menschlich. Und vielleicht brauchen wir genau deshalb wieder eine geerdetere Spiritualität. Eine, die nicht dauernd versucht, dem Dunklen zu entkommen. Eine, die den Menschen nicht vom Menschsein erlösen will. Eine, die nicht ständig nach Erleuchtung jagt, sondern nach Wahrhaftigkeit. Vielleicht ist Spiritualität am Ende gar nicht die Kunst, außergewöhnlich zu werden. Vielleicht ist sie die Kunst, endlich echt zu werden.