Gunnar Drucklieb • 13. August 2025

Der Körper – Tempel, Landkarte, Gedächtnis der Seele

In der modernen Welt wird der Körper oft wie ein Werkzeug behandelt: etwas, das funktionieren muss, schön aussehen soll, leistungsfähig sein muss. Doch aus schamanischer Sicht ist der Körper kein Werkzeug, kein Kleid, das wir zufällig tragen – er ist das Tor zu allem, was wir erfahren können.


Ohne den Körper gäbe es kein Fühlen, kein Riechen, kein Schmecken, kein Berührtsein. Er ist unser erstes Zuhause und wird unser letztes sein, bevor wir diese Welt verlassen. Und doch – in unserer westlichen Kultur haben wir uns weit von diesem Zuhause entfernt. Wir leben „über dem Hals“, analysieren, denken, planen – und ignorieren, dass wir nicht nur ein Bewusstsein haben, sondern dass unser Bewusstsein verkörpert ist. Alles, was wir erleben, schreiben wir in unseren Körper ein. Freude und Leichtigkeit genauso wie Schmerz und Trauma.


Verkörpertes Gedächtnis – der Körper als Speicher aller Geschichten


Der Körper ist kein passives Gefäß. Er erinnert sich – nicht in Worten, sondern in Empfindungen, Haltungen, Spannungen. Ein Kind, das ständig Angst hatte, wird vielleicht mit eingezogenem Bauch und hochgezogenen Schultern erwachsen. Eine Frau, die immer stark sein musste, trägt diese Stärke als Panzer in ihrer Muskulatur – so fest, dass selbst Zärtlichkeit manchmal nicht hindurchdringt. Ein Mann, dem Nähe nie erlaubt war, lernt, den Atem flach zu halten, den Blick zu senken, Berührung auszuweichen.


Diese Geschichten stehen nicht in einem Tagebuch – sie sind in den Faszien gespeichert, in den Mustern der Muskulatur, im Rhythmus des Atems, in den Schaltkreisen des Nervensystems.Manchmal merken wir erst, wie tief diese Muster sitzen, wenn wir beginnen, bewusst mit dem Körper zu arbeiten – und sich plötzlich Türen öffnen zu Gefühlen, die wir lange vergessen oder verdrängt hatten.


Trauma ist immer körperlich – und Heilung beginnt in der Verkörperung


Die westliche Psychologie hat lange geglaubt, dass man Trauma „versteht“ und damit auflöst. Heute weiß man: Verstehen ist ein Anfang, aber nicht genug. Trauma lebt nicht nur in Gedanken, sondern in den Reflexen, in der Spannung des Körpers, in den tiefsten Schichten des Nervensystems.


Der therapeutische Schamanismus wusste das schon lange. Wenn etwas zu überwältigend war, um es zu fühlen, zieht sich die Seele ein Stück weit zurück. Der Körper bleibt mit der Last zurück – oft wie in einem eingefrorenen Moment.


Ein Beispiel: Ein Reh, das dem Angriff eines Raubtieres entkommt, schüttelt sich heftig – es entlädt die gespeicherte Überlebensenergie. Menschen tun das oft nicht. Wir unterdrücken das Zittern, halten den Atem an, versuchen „ruhig zu bleiben“. Das rettet uns vielleicht in der Situation – aber es bindet die Energie im Körper. Jahre, Jahrzehnte später kann sie noch feststecken.


Schamanische Leibarbeit setzt dort an: behutsam, sicher, mit Respekt vor dem Tempo der Seele. Sie will nicht „erzwingen“, sondern einladen – Bewegungen zu vollenden, die einst abgebrochen wurden. Das kann ein Seufzen sein, ein leises Zittern, ein sanftes Strecken – kleine Impulse, die große Wellen der Befreiung auslösen.


Berührung - die verlorene Sprache


Berührung ist eine Sprache, älter als jede menschliche Kultur. Wir sprechen sie, bevor wir Worte kennen. Ein Baby, das gehalten wird, hört den Herzschlag, spürt den Atem der Mutter oder des Vaters, riecht ihre Haut – und weiß: Ich bin sicher. Doch in der westlichen Welt, besonders in Deutschland, haben wir diese Sprache fast verlernt. Berührungen sind oft flüchtig, formal oder funktional – ein Händedruck, ein kurzer Schulterklopfer. Längere, absichtslose Berührungen sind selten und werden oft misstrauisch beäugt.


Diese Entkörperlichung hat Folgen: Berührungsarmut ist ein schleichendes Gift. Studien zeigen, dass Menschen, die zu wenig Berührung erfahren, häufiger unter Depressionen, Angststörungen und körperlichen Krankheiten leiden. Das Immunsystem schwächt sich, Stresshormone bleiben chronisch erhöht, das Gefühl von Isolation verstärkt sich.


Der therapeutische Schamanismus sieht Berührung als Medizin. Nicht jede Berührung heilt – aber jede heilende Berührung ist klar, achtsam und absichtslos im Sinne von „Ich will dich nicht verändern, ich will dich halten“. Wenn jemand in einem schamanischen Ritual sanft die Hand auf deinen Rücken legt, kann dein Körper zum ersten Mal seit Jahren ausatmen. Der Vagusnerv – Schlüssel zur Entspannung – registriert: Es ist sicher. Muskeln lassen los. Tränen, die lange gefangen waren, finden den Weg.


Leibarbeit – die Körperreise als spirituelle Praxis


Leibarbeit im schamanischen Sinn ist kein Wellness-Angebot und keine rein körperliche Technik. Sie ist eine spirituelle Praxis, die den Körper als Tor zur Seele nutzt.
Sie kann so vielfältig sein wie die Menschen selbst:

  • das rhythmische Trommeln, das den Körper in Schwingung versetzt
  • sanftes Drücken und Halten von Körperpunkten, um dort gespeicherte Emotionen zu lösen
  • bewusstes Atmen, um Energie zu mobilisieren
  • freier Tanz, bei dem der Körper seine eigenen Bewegungen findet
  • das Schütteln, um alte Spannungen abzuschütteln

Das Ziel ist nicht „Entspannung“ im Sinne eines Wellnessprogramms, sondern Wiederbewohnung. Der Körper wird zurückerobert als lebendiger Raum, nicht als Panzer oder Maschine.


Der Körper als Tempel – spirituelle und archetypische Sicht


In vielen Religionen wird der Körper als Hindernis auf dem Weg zur Erleuchtung gesehen. Man soll ihn überwinden, beherrschen, transzendieren. Der schamanische Weg sieht das anders: Der Körper ist der Tempel der Seele. Er ist nicht etwas, das uns von der Spiritualität trennt – er ist das Fundament, auf dem sie steht.


Wer diesen Tempel nicht achtet, wird in seiner spirituellen Praxis unverwurzelt. Visionen und Ekstasen können inspirieren, aber ohne Erdung im Körper bleiben sie wie Rauch, der sich verflüchtigt. Archetypisch betrachtet ist der Körper der heilige Baum, dessen Wurzeln in der Erde und dessen Krone im Himmel ist. Die Leibarbeit nährt die Wurzeln, damit die Krone wachsen kann.


Gesellschaftliche Dimension – Berührung als Widerstand


In einer Gesellschaft, die Berührung privatisiert, sexualisiert oder misstrauisch macht, ist bewusste, liebevolle Berührung fast schon ein Akt des Widerstands. Sie durchbricht die Isolation, die das moderne Leben so oft mit sich bringt. Sie erinnert daran, dass wir nicht nur denkende Köpfe sind, sondern fühlende, atmende, berührbare Wesen. Wenn wir in Gemeinschaft – sei es in einem Männerkreis, einem Frauenkreis, einem schamanischen Ritual – lernen, uns achtsam zu berühren, erschaffen wir Räume, in denen Heilung nicht nur individuell, sondern auch kollektiv geschieht.


Die Sprache des Nervensystems – Warum Heilung ohne den Körper nicht funktioniert


Wenn wir über Körperarbeit und Trauma sprechen, kommen wir unweigerlich zum autonomen Nervensystem. Dieses steuert all die Prozesse, über die wir normalerweise nicht bewusst nachdenken: Herzschlag, Atmung, Verdauung, Hormonhaushalt. Es ist das unsichtbare Orchester, das die Balance zwischen Anspannung und Entspannung reguliert.


Es besteht im Wesentlichen aus zwei Hauptsystemen:

  • Sympathikus – der „Gaspedal“-Modus unseres Körpers. Er bereitet uns auf Handlung vor: Herzschlag steigt, Atmung wird schneller, Muskeln spannen sich an. Das ist die Kampf- oder Fluchtreaktion.
  • Parasympathikus – der „Bremspedal“-Modus. Er sorgt für Regeneration, Verdauung, Heilung. Hier sinkt der Puls, der Atem wird tiefer, der Körper kann reparieren.


Beide Systeme sind lebenswichtig. Doch bei Trauma oder chronischem Stress gerät dieses Wechselspiel aus der Balance.


Sympathische Überaktivität – wenn der Körper im Dauer-Alarm lebt

Viele Menschen mit unverarbeitetem Trauma leben fast ausschließlich im sympathischen Modus. Das bedeutet: Das Nervensystem ist ständig in Alarmbereitschaft, auch wenn objektiv keine Gefahr droht. Diese Menschen sind innerlich angespannt, schlafen oft schlecht, haben Verdauungsprobleme oder fühlen sich „nie wirklich entspannt“. Der Körper glaubt unbewusst: „Es ist nicht sicher, mich ganz zu entspannen.“


Parasympathische Erstarrung – die Abschaltung

Es gibt aber auch die andere Reaktion: den dorsalen Vagus-Zweig des Parasympathikus, der im Extremfall zur Erstarrung führt. Das ist kein friedliches Entspannen, sondern eine Art Notabschaltung des Systems. Menschen in diesem Zustand fühlen sich oft wie betäubt, innerlich leer, abgeschnitten von Gefühlen und vom Körper. Sie wirken äußerlich ruhig, aber innerlich ist die Lebendigkeit stark gedrosselt.


Der Vagusnerv – Brücke zwischen Körper und Seele


Der Vagusnerv ist der Hauptnerv des Parasympathikus und spielt in der Traumaheilung eine Schlüsselrolle. Er verläuft vom Gehirn durch Hals, Herz, Lunge, Zwerchfell und Bauchraum und verbindet so direkt Geist, Herz und Bauch – also Denken, Fühlen und Spüren. Man könnte sagen: Der Vagusnerv ist der heilige Fluss, der die oberen und unteren Welten unseres Körpers verbindet.


Er ist maßgeblich daran beteiligt, wie wir uns fühlen: sicher, verbunden, entspannt – oder ängstlich, angespannt, abgeschnitten. Wenn der Vagusnerv regelmäßig Signale von Sicherheit erhält (z. B. durch tiefe Atmung, sanfte Berührung, rhythmische Bewegung, soziale Nähe), kann er das gesamte System regulieren. Dann sinkt der Stresspegel, das Immunsystem arbeitet besser, Heilungsprozesse setzen ein.


Warum schamanische Leibarbeit das Nervensystem erreicht


Aus neurobiologischer Sicht wirken viele schamanische Methoden direkt auf den Vagusnerv und das autonome Nervensystem:

  • Rhythmische Trommeln oder Rasseln bringen eine gleichmäßige, vorhersehbare Stimulation, die Sicherheit signalisiert.
  • Achtsame Berührung aktiviert Druck- und Berührungsrezeptoren, die direkt vagale Entspannungsreaktionen auslösen.
  • Tiefes, bewusstes Atmen stimuliert den Vagusnerv über das Zwerchfell.
  • Rituelle Gesänge oder Summen lassen den Vagusnerv über die Stimmbänder vibrieren.
  • Freie, fließende Bewegungen (z. B. Tanz, Schütteln) lösen eingefrorene Muster und signalisieren dem Nervensystem: „Die Gefahr ist vorbei.“


Schamanische Leibarbeit ist also nicht nur „spirituell wirksam“ – sie ist neurobiologisch hochwirksam. Sie spricht das älteste Sicherheitssystem des Menschen an, das lange vor unserem bewussten Denken entstanden ist.


Heilung durch Rückkehr


Wenn wir verstehen, dass Trauma im Nervensystem sitzt, wird klar: Heilung bedeutet, dieses System neu zu regulieren. Es geht darum, wieder flexibel zwischen Aktivierung und Entspannung wechseln zu können – und im Zustand von Sicherheit und Verbindung länger zu verweilen.


In der Sprache des therapeutischen Schamanismus könnte man sagen: Wir holen die Seele zurück in einen Körper, der nicht mehr wie ein Kriegsgebiet wirkt, sondern wie ein bewohnbarer Ort. Ein Ort, an dem Atem, Herzschlag und Geist in einem Rhythmus schwingen, der Heilung möglich macht. Heilung geschieht, wenn wir nach Hause kommen – in den Körper.


Manchmal beginnt das mit einem Atemzug, der tiefer ist als alle davor. Mit einer Hand, die auf unserer Schulter liegt. Mit einem Tanz, der uns den Boden wieder spüren lässt. Der Körper vergisst nicht – aber er kann lernen, neu zu erinnern. Er kann Geschichten, die einmal von Schmerz durchzogen waren, in Lieder verwandeln. Und vielleicht ist genau das der Kern der schamanischen Leibarbeit: Aus einem Körper, der nur überlebt, wird ein Körper, der wieder lebt.

von gdrucklieb • 15. September 2026
Wir haben uns in unserer modernen Welt daran gewöhnt, den Menschen aufzuteilen. Da ist der Körper, für den die Medizin zuständig ist. Da ist die Psyche, mit der wir zum Psychologen oder Psychotherapeuten gehen. Und irgendwo daneben befindet sich noch etwas, das wir Seele, Geist oder Spiritualität nennen und für das unsere Gesellschaft keinen ganz eindeutigen Ort mehr kennt. Diese Aufteilung ist praktisch und hat zweifellos dazu beigetragen, dass wir Krankheiten heute erkennen und behandeln können, an denen Menschen früher gestorben wären. Und doch entsteht dadurch ein merkwürdiges Bild vom Menschen, als bestünden wir aus verschiedenen Abteilungen, die möglichst wenig miteinander zu tun haben. Der Begriff Psychosomatik beginnt bereits, diese Trennung wieder infrage zu stellen. „Psyche“ und „Soma“, Seele beziehungsweise Geist und Körper, werden miteinander in Beziehung gesetzt. Wir wissen heute sehr genau, dass chronischer Stress nicht nur ein Gedanke ist. Angst findet nicht ausschließlich im Kopf statt. Trauer ist keine rein geistige Angelegenheit. All diese Erfahrungen verändern unseren Körper. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Schlaf, Verdauung, hormonelle Prozesse und das autonome Nervensystem reagieren auf die Welt, in der wir leben, und auf die Art, wie wir diese Welt erleben. Ebenso wirkt der Körper zurück auf unser seelisches Erleben. Der Mensch ist kein Geist, der zufällig in einem Körper wohnt. Er ist ein lebendiges Ganzes. Und genau an dieser Stelle wird Psychosomatik aus schamanischer Sicht interessant. Denn in einem schamanisch geprägten Weltverständnis ist die Vorstellung eines isolierten Menschen ohnehin fremd. Der Mensch existiert nicht unabhängig von seiner Umgebung, seiner Gemeinschaft, seiner Geschichte und seinen Beziehungen. Er steht in Verbindung. Mit anderen Menschen, mit seiner Herkunft, mit den Tieren, Pflanzen und Landschaften, mit den Erfahrungen seines Lebens und schließlich auch mit jenen Bereichen seiner Existenz, für die unsere Sprache manchmal nur unzureichende Begriffe besitzt. Wenn wir den Menschen auf diese Weise betrachten, erscheint die Vorstellung plötzlich gar nicht mehr besonders außergewöhnlich, dass seelische Erfahrungen körperliche Spuren hinterlassen können. Wir kennen das schließlich alle aus unserem eigenen Leben. Angst kann uns den Magen zusammenziehen. Eine Nachricht kann uns im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen wegziehen. Trauer kann sich wie ein Gewicht auf die Brust legen. Unter dauerhafter Anspannung ziehen wir die Schultern hoch, pressen die Zähne zusammen oder schlafen schlecht. Niemand würde ernsthaft behaupten, diese körperlichen Reaktionen seien eingebildet. Der Körper nimmt an unserem Leben teil. Er erlebt unsere Geschichte mit. Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Krankheit eine verborgene spirituelle Botschaft enthält. Gerade an dieser Stelle halte ich Vorsicht für notwendig. Mir begegnet in spirituellen Zusammenhängen immer wieder die Vorstellung, man müsse bei einer Erkrankung lediglich herausfinden, „was die Seele damit sagen möchte“. Rückenschmerzen werden dann zum Zeichen dafür, dass jemand zu viel trägt, Hauterkrankungen zu einem vermeintlichen Abgrenzungsproblem und schwere Erkrankungen schlimmstenfalls zum Ausdruck eines ungelösten seelischen Konflikts erklärt. Solche Deutungen können nicht nur medizinisch falsch sein, sondern für Erkrankte ausgesprochen verletzend werden. Denn plötzlich trägt ein Mensch neben seiner Krankheit auch noch die Vorstellung mit sich herum, er habe sie auf irgendeine Weise selbst verursacht. Eine schamanische Betrachtung, wie ich sie verstehe, sollte einen Menschen nicht kleiner machen und ihm keine Schuld geben. Sie sollte seinen Blick erweitern. Wenn mein Körper erkrankt, gehört deshalb zunächst die körperliche Ebene ernst genommen. Eine Infektion bleibt eine Infektion. Ein Bandscheibenvorfall bleibt ein Bandscheibenvorfall. Eine Autoimmunerkrankung lässt sich nicht dadurch wegdeuten, dass wir eine symbolische Erklärung für sie finden. Medizinische Diagnostik und Behandlung haben ihren Platz, und schamanische Arbeit sollte nicht versuchen, diesen Platz einzunehmen. Doch damit muss unsere Betrachtung des Menschen nicht enden. Wir können zusätzlich fragen, wie es diesem Menschen eigentlich in seinem Leben geht. Unter welchem Druck steht er? Wie schläft er? Welche Beziehungen nähren ihn und welche erschöpfen ihn? Wann hat er zuletzt wirkliche Ruhe erlebt? Gibt es Trauer, die keinen Raum bekommen hat? Gibt es Angst? Lebt dieser Mensch noch in einem Rhythmus, der seinem eigenen Wesen entspricht, oder funktioniert er seit Jahren gegen sich selbst? Hat er das Gefühl, zu seinem Leben zu gehören, zu anderen Menschen, zur Natur und letztlich zu sich selbst? Das Entscheidende dabei ist das Wort „zusätzlich“. Denn damit verändert sich die Perspektive. Wir suchen nicht mehr nach einer geheimen psychischen Ursache für jedes körperliche Leiden. Wir betrachten stattdessen das gesamte Geflecht, in dem ein Mensch lebt. Aus schamanischer Sicht würde ich dieses Geflecht noch weiter fassen. Unsere moderne Kultur hat Verbindung zu etwas gemacht, das wir offenbar gelegentlich herstellen müssen. Wir fahren am Wochenende in die Natur, um „wieder Verbindung zu bekommen“. Wir meditieren, um „bei uns anzukommen“. Wir besuchen Seminare, um unseren Körper wieder zu spüren. Allein diese Formulierungen erzählen bereits eine erstaunliche Geschichte. Offenbar empfinden viele Menschen ihren gewöhnlichen Alltag als einen Zustand, in dem genau diese Verbindung nicht selbstverständlich vorhanden ist. Ein schamanisches Weltverständnis würde die Frage möglicherweise vollkommen anders stellen. Nicht: Wie stelle ich Verbindung her? Sondern: Wie konnte ich vergessen, dass ich verbunden bin? Damit bekommt auch der Körper eine andere Bedeutung. Er ist nicht nur das biologische Fahrzeug, das uns möglichst störungsfrei durch unseren Alltag transportieren soll. Er ist die unmittelbarste Form unserer Beziehung zur Welt. Durch ihn frieren wir im Wind, riechen Erde nach einem Regenschauer, spüren die Hand eines anderen Menschen, erleben Angst, Lust, Erschöpfung, Geborgenheit und Schmerz. Der Körper befindet sich immer in der Gegenwart. Unser Denken kann zwanzig Jahre zurückreisen oder sich Sorgen über die nächsten zehn Jahre machen. Der Körper sitzt währenddessen hier. Das macht ihn auf eine eigenartige Weise ehrlich. Nicht unfehlbar und nicht mystisch allwissend, aber ehrlich in seiner Reaktion. Wer über Monate unter Spannung lebt, kann irgendwann feststellen, dass sein Körper diese Spannung längst übernommen hat. Die Schultern sind hochgezogen, der Kiefer angespannt, die Atmung flach. Der Mensch sagt möglicherweise noch: „Es geht schon.“ Sein Körper erzählt gleichzeitig: „Es ist viel.“ Darin liegt für mich eine der interessantesten Brücken zwischen moderner Psychosomatik und einer schamanischen Betrachtung des Menschen. Wir müssen den Körper nicht mystifizieren, um ihm zuzuhören. Und Zuhören bedeutet nicht automatisch Interpretieren. Wenn ich während einer schamanischen Arbeit meinen Körper bewusst wahrnehme und eine Enge in meiner Brust entdecke, muss ich daraus nicht sofort eine große Geschichte machen. Ich kann zunächst bei dieser Wahrnehmung bleiben. Wie fühlt sie sich an? Wann kenne ich dieses Gefühl? Was geschieht, wenn ich ihm Raum gebe? Welche Erinnerung taucht auf? Welches Bild? Welche Emotion? Oder geschieht überhaupt nichts? Manchmal ist eine Spannung eben eine Spannung. Und manchmal öffnet sich dahinter eine ganze Landschaft. Genau diese Offenheit scheint mir wesentlich zu sein. Der schamanische Weg muss nicht darin bestehen, für jedes Symptom eine Erklärung zu besitzen. Im Gegenteil. Eine ernsthafte spirituelle Praxis sollte unsere Fähigkeit erhöhen, das Nichtwissen auszuhalten. Wir begegnen dem, was da ist, bevor wir entscheiden, was es bedeutet. Dadurch verändert sich auch unser Verhältnis zu Krankheit. Krankheit ist dann weder Feind noch automatisch Lehrer. Auch die häufig gehörte spirituelle Behauptung, jede Krankheit sei eine Chance, empfinde ich als problematisch. Wer starke Schmerzen hat, schwer erkrankt ist oder um sein Leben fürchtet, braucht nicht zwingend jemanden, der ihm erklärt, welches Wachstumspotenzial darin verborgen liegt. Krankheit darf zunächst einfach Krankheit sein. Schmerz darf Schmerz sein. Und dennoch können wir uns fragen, was diese Erfahrung mit unserem Leben macht. Nicht: „Warum habe ich diese Krankheit erschaffen?“ Sondern: „Was zeigt mir mein gegenwärtiges Leben über mich?“ Das ist eine vollkommen andere Frage. Sie enthält keine Schuld. Sie öffnet einen Raum. Möglicherweise liegt genau dort die schamanische Dimension der Psychosomatik. Nicht in einer Tabelle, in der jedem Organ eine seelische Bedeutung zugeordnet wird. Nicht in der Behauptung, man könne Krankheiten durch die richtige spirituelle Erkenntnis beseitigen. Sondern in der Rückkehr zu einem Menschenbild, das den Menschen nicht auseinanderreißt. Körper, Psyche, Beziehungen, Biografie, Gemeinschaft, Landschaft und Spiritualität sind keine voneinander hermetisch abgeschlossenen Räume. Sie berühren und beeinflussen einander. Manche dieser Zusammenhänge können wir wissenschaftlich sehr gut beschreiben. Andere erleben wir subjektiv. Und wieder andere bleiben geheimnisvoll. Ein schamanischer Weg muss dieses Geheimnis nicht auflösen. Er kann uns vielmehr lehren, darin wieder aufmerksam zu werden. Wir müssen dafür nicht zurück in eine Vergangenheit, in der Krankheit ausschließlich mit Geistern, Flüchen oder unsichtbaren Mächten erklärt wurde. Ebenso wenig müssen wir in einem Menschenbild verharren, in dem der Körper lediglich eine Maschine ist, deren defektes Bauteil repariert werden muss. Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein erstaunlich weiter Raum. Dort steht wieder ein Mensch. Ein Mensch mit einem Körper, einer Geschichte, Beziehungen, Ängsten, Erinnerungen, Wünschen und einer tiefen biologischen Zugehörigkeit zu dieser Welt. Ein Mensch, dessen Körper nicht gegen ihn arbeitet, nur weil er Symptome entwickelt. Und auch kein Körper, dessen jedes Symptom entschlüsselt werden müsste wie eine geheime Nachricht.  Manchmal braucht der Körper Medizin. Manchmal braucht die Psyche Unterstützung. Manchmal braucht ein Mensch Ruhe, Berührung, Gemeinschaft, Natur, Trauer, ein Ritual oder schlicht jemanden, der wirklich zuhört. Und manchmal braucht er mehrere dieser Dinge gleichzeitig. Für mich beginnt genau dort eine schamanische Sicht auf Psychosomatik: nicht mit der Suche nach einer spirituellen Erklärung für Krankheit, sondern mit der Erinnerung daran, dass der Mensch nie aus voneinander getrennten Einzelteilen bestanden hat. Dass unser Körper unsere Lebensgeschichte begleitet, unsere Umwelt auf uns wirkt und unser inneres Erleben nicht irgendwo außerhalb unserer Biologie stattfindet. Heilung bedeutet dann nicht zwangsläufig, dass jedes Symptom verschwindet. Heilung kann auch bedeuten, wieder in Beziehung zu kommen – zum eigenen Körper, zur eigenen Geschichte, zu anderen Menschen und zu jener lebendigen Welt, von der wir nie wirklich getrennt waren.
von Gunnar Drucklieb • 31. August 2026
Können wir in Europa echte Schamanen sein?