Gunnar Drucklieb • 29. August 2025

Der Vagusnerv – Schlüssel zur inneren Balance und seine schamanische Dimension

Es gibt in unserem Körper Orte, die fast geheimnisvoll wirken, weil sie so viel Macht über unser Befinden haben und doch so unscheinbar erscheinen. Einer dieser Orte ist der Vagusnerv. Er zieht sich wie ein unsichtbarer Faden durch unseren Organismus und wirkt als Brücke zwischen Körper, Geist und Seele. Wer ihn versteht, berührt die Wurzeln unseres inneren Gleichgewichts. Wer ihn schamanisch anspricht, öffnet Türen zu Heilung, Transformation und einem tieferen Bewusstsein.


Der Vagusnerv – Anatomie eines Lebensnervs


Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv und zugleich der längste des gesamten Nervensystems. Er entspringt im Hirnstamm, zieht durch Hals und Brust bis tief in den Bauchraum und verzweigt sich dabei zu Herz, Lunge, Magen, Darm und sogar zu Teilen des Gesichtes und der Stimme. Sein Name stammt aus dem Lateinischen: vagus bedeutet „der Umherschweifende“ – und tatsächlich durchstreift er nahezu den gesamten Körper.


Er ist der Hauptakteur des parasympathischen Nervensystems, also jenes Systems, das für Ruhe, Regeneration und Heilung zuständig ist. Während der Sympathikus uns in Kampf- oder Fluchtreaktionen versetzt, sorgt der Vagusnerv für Entspannung, Verdauung, tiefe Atmung und Heilprozesse. Er ist damit wie eine geheime Schaltstelle zwischen Stress und Gelassenheit, zwischen Krankheit und Gesundheit.


Polyvagal-Theorie – Landkarte unserer inneren Zustände


Die moderne Neurowissenschaft, vor allem durch die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges, hat den Vagusnerv in den Mittelpunkt einer neuen Sichtweise gerückt. Diese Theorie unterscheidet zwischen drei Hauptzuständen:


  1. Sympathikus-Aktivierung – Flucht oder Angriff
    Dies ist der bekannte Stressmodus. Das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flach, Muskeln spannen sich an. Unser Körper bereitet sich darauf vor, etwas zu tun – rennen oder kämpfen.
  2. Ventraler Vagus – Sicherheit, soziale Verbindung, Ruhe
    „Ventral“ bedeutet „bauchwärts“ bzw. „nach vorne gerichtet“. Der ventrale Ast des Vagusnervs entspringt im vorderen Hirnstamm. Er steuert Funktionen, die mit Sicherheit und Verbindung zu tun haben: entspannte Mimik, ruhiger Herzschlag, tiefe Atmung, Offenheit für Nähe, Kommunikation und Vertrauen. Wenn der ventrale Vagus aktiv ist, fühlen wir uns geerdet, geborgen und in Kontakt – mit uns selbst und mit anderen.
  3. Dorsaler Vagus – Erstarrung, Rückzug, Schock
    „Dorsal“ bedeutet „rückenwärts“. Der dorsale Ast liegt tiefer im Hirnstamm und ist evolutionär älter. Wird er stark aktiviert, kann er eine Art Notabschaltung im Körper auslösen: Herzschlag verlangsamt sich, Verdauung fährt herunter, der Organismus schützt sich durch Lähmung. Menschen erleben diesen Zustand als Leere, Taubheit oder Erstarrung – vergleichbar mit einem Tier, das sich totstellt.


Man könnte sagen:

  • Der ventrale Vagus öffnet uns in die Welt hinein – Vertrauen, Beziehung, Kommunikation.
  • Der dorsale Vagus zieht uns aus der Welt zurück – Schutz, Rückzug, Erstarrung.
  • Der Sympathikus treibt uns mitten hinein – Aktivität, Kampf, Flucht.


Diese drei Mechanismen sind nicht „gut“ oder „schlecht“. Sie sind Überlebensstrategien. Doch das Wissen um sie hilft uns, bewusster zu erkennen, in welchem Zustand wir gerade sind – und welche Wege uns zurück ins Gleichgewicht führen.


Schamanische Perspektive – Der Vagus als Seelenfaden


In der schamanischen Weltsicht ist der Körper niemals nur Biologie. Er ist ein lebendiger Tempel, durchzogen von Kanälen, in denen nicht nur Nervenimpulse, sondern auch Lebensenergie, Geistkraft und Seelenschwingung fließen. Der Vagusnerv kann in dieser Sichtweise als eine Ader des Lebensgeistes verstanden werden – ein schwingender Faden, der unsere innere und äußere Welt verbindet.


Während die Wissenschaft ihn als biologischen Nervenstrang beschreibt, erkennen Schaman*innen im Vagus auch ein spirituelles Band:


  • Er verbindet den Atem mit dem Herzschlag.
  • Er verbindet die Stimme mit der Seele.
  • Er verbindet die Mitte des Körpers mit dem Bewusstsein.


Man könnte sagen: Der Vagus ist der „Nerv des Schamanen“, weil er uns direkt an die Schwelle führt, wo Körper, Geist und Seele sich berühren.


Wie man den Vagusnerv reguliert – moderne Ansätze


Es gibt viele Möglichkeiten, den Vagusnerv zu aktivieren und so Heilung und Ruhe einzuladen. Einige bekannte Methoden sind:


  • Tiefes, langsames Atmen – besonders durch den Bauch.
  • Summen, Singen, Tönen – da der Nerv auch mit Kehlkopf und Stimme verbunden ist.
  • Kälte – z. B. kaltes Wasser im Gesicht oder Eisbäder.
  • Sanfte Bewegung – Yoga, Qi Gong oder schamanischer Tanz.
  • Soziale Nähe – tiefer Blickkontakt, Berührung, Umarmung.


Doch über diese körperlichen Wege hinaus öffnet sich im Schamanismus eine weitere Dimension.


Schamanische Arbeit mit dem Vagusnerv


1. Der Atem als Brücke

In schamanischen Zeremonien spielt der Atem eine zentrale Rolle. Durch bewusstes, rhythmisches Atmen – begleitet von Trommel oder Rassel – lässt sich der Vagus aktivieren. Jeder Atemzug wird zum Gebet, das den Körper beruhigt und die Seele in eine andere Wirklichkeit führt.


Ritualidee: Setze dich in den Kreis, lausche der Trommel und atme bewusst tief durch die Nase ein, durch den Mund aus. Spüre, wie der Atem durch Kehle, Brust und Bauch zieht und dabei wie ein heiliger Wind den Vagusnerv streichelt.


2. Stimme als Heilwerkzeug

Der Vagus ist eng mit der Stimme verbunden. In vielen Traditionen wird durch Singen, Summen oder Kehlgesänge Heilung angestoßen. Der Ton bringt den Nerv in Schwingung – und die Seele in Resonanz.


Ritualidee: Summe den Klang „OM“ oder einen eigenen Seelenton, so lange, bis du die Vibration im Brustkorb und im Bauch spürst. Rufe dein Krafttier oder deine Ahnen an und bitte sie, den Klang mit dir zu tragen.


3. Trommel und Herzschlag

Der Vagus reguliert auch das Herz. Wenn die Trommel im gleichmäßigen Rhythmus schlägt, spiegelt das Herz diesen Rhythmus. Das Nervensystem gleicht sich an – eine Resonanz, die Körper und Seele beruhigt.


Ritualidee: Lege dich im Kreis hin, während eine Trommel im gleichmäßigen Herzschlag-Rhythmus gespielt wird. Spüre, wie dein eigenes Herz in Einklang kommt und wie der Vagus den Impuls weiterträgt in die Tiefe deines Körpers.


4. Schamanische Reisen zum inneren Nervensystem

In einer schamanischen Reise kann der Vagus als spirituelles Wesen erscheinen – vielleicht als Schlange, als Wurzel oder als Fluss. Man kann mit ihm sprechen, ihn bitten, Blockaden zu lösen, oder sich von ihm an die Orte der eigenen inneren Ruhe führen lassen.


Ritualidee: Gehe auf eine Trommelreise mit der Intention: „Zeige mir den Weg meines Vagus.“ Schaue, in welcher Gestalt er dir begegnet, und höre seine Botschaft.


5. Der Körper als Ritualraum

In schamanischen Heilungen wird der Körper als ein Land betrachtet, das durchwandert werden kann. Der Vagusnerv kann dabei als heiliger Pfad verstanden werden – vom Kopf in die Tiefe des Bauches, vom Geist in die Körperseele.


Ritualidee: Stelle dir bei einer Meditation vor, wie du den Vagus hinabsteigst wie einen schimmernden Fluss. Auf diesem Weg kannst du Spannungen loslassen, Licht einladen und die Balance zwischen Kopf und Herz finden.


Fazit – Der Vagus als Tor zur Heilung


Der Vagusnerv ist mehr als ein medizinischer Begriff. Er ist eine heilige Brücke. Auf der körperlichen Ebene ist er ein Schlüssel zu Heilung und Resilienz, auf der seelischen Ebene ein Kanal, durch den wir Ruhe, Vertrauen und innere Weite finden.


Schamanische Praxis macht diesen Nerv erfahrbar als spirituellen Strom, als Lebensader, die uns mit Atem, Stimme, Herz und Bauch verbindet. Wer den Vagusnerv ehrend anspricht – mit Atem, Klang, Trommel oder Vision – betritt eine Sphäre, in der Heilung nicht nur physiologisch, sondern auch seelisch geschieht.


Der Vagus lädt uns ein, uns zu erinnern: Dass wir nicht nur Körper sind, nicht nur Geist, sondern eine Einheit aus beiden – getragen von einem unsichtbaren Faden, der uns in die Mitte führt.


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Es gibt eine unangenehme Wahrheit innerhalb der spirituellen Szene, über die nur wenige offen sprechen. Vielleicht weil sie unbequem ist. Vielleicht weil sie viele Menschen triggert. Vielleicht aber auch, weil sie uns zwingt, ehrlicher auf uns selbst zu schauen. Denn nicht alles, was spirituell aussieht, ist wirklich Spiritualität. Und nicht jede Person, die Räucherwerk benutzt, Mantras spricht, schamanische Reisen macht oder von Bewusstsein redet, befindet sich tatsächlich auf einem Weg tiefer Begegnung mit sich selbst. Manchmal geschieht genau das Gegenteil. Manchmal wird Spiritualität zu einer der elegantesten Formen der Flucht. Das klingt hart. Aber wenn wir ehrlich sind, sehen wir es überall. Menschen, die ständig von Licht sprechen, aber nie über ihre Wut. Menschen, die von Liebe reden, aber unfähig sind, echte Nähe auszuhalten. Menschen, die von Heilung sprechen, während sie jeden Konflikt vermeiden. Menschen, die sich „hochentwickelt“ nennen, aber einfache Kritik sofort als Angriff erleben. Menschen, die jede Schwierigkeit energetisieren, anstatt Verantwortung zu übernehmen. Und Menschen, die in Ritualen, Karten, Zeichen und kosmischen Botschaften versinken, weil die Realität ihres eigentlichen Lebens kaum noch auszuhalten ist. Spiritualität kann wunderschön sein. Tief. Transformierend. Heilsam. Sie kann Menschen zurück in Verbindung bringen – mit sich selbst, mit der Natur, mit dem Leben. Aber sie kann eben auch zu einer Bühne werden. Zu einer Identität. Zu einer ästhetischen Verpackung für ungelöste innere Konflikte. Zu einer spirituellen Maske. Und genau dort beginnt etwas Gefährliches. Denn echte Spiritualität macht das Ego nicht größer. Sie macht es durchlässiger. Echter. Ehrlicher. Sie führt nicht automatisch dazu, sich besonders zu fühlen, sondern oft zunächst dazu, sich selbst überhaupt einmal wirklich zu begegnen. Mit all den Anteilen, die man jahrelang verdrängt hat. Mit Scham. Mit Angst. Mit Trauer. Mit Einsamkeit. Mit Wut. Mit dem inneren Chaos. Mit der Erkenntnis, dass man eben nicht immer „im Licht“ ist. Viele Menschen kommen überhaupt erst auf einen spirituellen Weg, weil sie verletzt wurden. Weil etwas in ihrem Leben zerbrochen ist. Eine Beziehung. Eine Identität. Ein Weltbild. Ein Gefühl von Sicherheit. Und daran ist nichts falsch. Im Gegenteil. Schmerz öffnet oft Türen, die vorher verschlossen waren. Krisen können Bewusstsein erweitern. Doch genau an diesem Punkt entsteht eine entscheidende Frage: Nutze ich Spiritualität, um tiefer in mein Menschsein hineinzuwachsen? Oder nutze ich sie, um meinem Menschsein auszuweichen? Das ist ein gewaltiger Unterschied. Denn es gibt eine Form von Spiritualität, die sich anfühlt wie ein schwebender Raum oberhalb des Lebens. Dort wird alles positiv umgedeutet. Alles ist „eine Lektion“. Alles hat „eine hohe Schwingung“. Alles soll leicht sein. Liebevoll. Friedlich. Harmonisch. Aber oft ist diese Harmonie teuer erkauft. Nämlich durch das Verdrängen all dessen, was unbequem ist. Der amerikanische Psychologe John Welwood prägte dafür einmal den Begriff „Spiritual Bypassing“. Spirituelle Umgehung. Gemeint ist damit die Tendenz, spirituelle Konzepte oder Praktiken zu benutzen, um psychischen Schmerz, ungelöste Traumata oder emotionale Konflikte nicht fühlen zu müssen. Und genau das sieht man heute immer häufiger. Da wird meditiert, statt Grenzen zu setzen. Da wird vergeben, obwohl der Schmerz nie verarbeitet wurde. Da wird gelächelt, obwohl der Mensch innerlich zusammenbricht. Da wird ständig „losgelassen“, weil man nie gelernt hat, wirklich zu fühlen. Manche Menschen sprechen stundenlang über Energien, aber können nicht ehrlich sagen: „Ich bin verletzt.“ Manche reden über Bewusstseinserweiterung, aber schaffen es nicht, sich bei einem Menschen zu entschuldigen. Manche wollen die ganze Welt heilen, weil sie der eigenen inneren Leere nicht begegnen wollen. Und genau deshalb ist echte spirituelle Arbeit oft viel bodenständiger, als viele denken. Ein schamanischer Weg beispielsweise bedeutet nicht, ständig in anderen Welten unterwegs zu sein. Er bedeutet nicht, sich aus der Realität zu lösen oder nur noch in Symbolen zu sprechen. Ein echter schamanischer Weg macht das Leben oft unmittelbarer. Ehrlicher. Roh. Man beginnt zu spüren, wo man sich selbst belügt. Wo man Rollen spielt. Wo man sich hinter Konzepten versteckt. Wo man etwas darstellen möchte. Wo das eigene Ego plötzlich sogar die Spiritualität benutzt, um sich überlegen zu fühlen. Denn auch das ist eine der großen Fallen spiritueller Szenen: spiritueller Narzissmus. Die Vorstellung, „weiter“ zu sein als andere. Bewusster. Erwachter. Reiner. Spiritueller. Plötzlich wird Spiritualität nicht mehr zu einem Weg der Verbindung, sondern zu einer subtilen Hierarchie. Menschen vergleichen sich über Bewusstseinszustände, Rituale, Ausbildungen oder „energetische Fähigkeiten“. Und manchmal wirkt genau das erstaunlich unspirituell. Denn je tiefer ein Mensch wirklich wird, desto weniger Bedürfnis entsteht meist, sich über andere zu stellen. Tiefe Menschen wirken oft überraschend normal. Sie müssen nicht ständig beweisen, wie bewusst sie sind. Sie müssen nicht permanent über ihre Spiritualität reden. Sie strahlen etwas anderes aus: Präsenz. Ruhe. Ehrlichkeit. Menschlichkeit. Vielleicht ist genau das eines der stärksten Zeichen echter spiritueller Entwicklung: dass ein Mensch wieder einfacher wird. Weniger Inszenierung. Weniger Fassade. Weniger künstliche Bedeutung. Mehr echtes Leben. Denn Spiritualität zeigt sich nicht nur in Zeremonien oder Ritualen. Sie zeigt sich darin, wie man mit Menschen umgeht. Wie man spricht. Wie man zuhört. Wie man mit Macht umgeht. Wie man mit Fehlern umgeht. Wie man mit Schmerz umgeht. Wie man mit Kritik umgeht. Ob man bereit ist, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Ein Mensch kann stundenlang trommeln und trotzdem emotional unreif sein. Ein Mensch kann hunderte Bücher über Bewusstsein gelesen haben und trotzdem nicht mit Nähe umgehen können. Ein Mensch kann Räucherbündel verkaufen und gleichzeitig tief manipulativ sein. Und gleichzeitig kann ein anderer Mensch zutiefst spirituell sein, ohne jemals dieses Wort zu benutzen. Vielleicht sitzt dieser Mensch morgens einfach still mit einem Kaffee im Garten und betrachtet den Nebel über den Feldern. Vielleicht behandelt er andere Menschen mit Würde. Vielleicht hört er wirklich zu. Vielleicht hat er gelernt, seine Dunkelheit nicht mehr auf andere zu werfen. Vielleicht beginnt genau dort Spiritualität. Nicht im Abheben. Sondern im Ankommen. Nicht im Wegfliegen aus der Welt. Sondern im tieferen Hineingehen. Denn ein echter Weg führt selten nur nach oben. Oft führt er zuerst nach unten. In die eigenen Schatten. In verdrängte Gefühle. In Unsicherheit. In Angst. In alte Wunden. Das ist nicht glamourös. Nicht Instagram-tauglich. Nicht immer schön. Aber es ist menschlich. Und vielleicht brauchen wir genau deshalb wieder eine geerdetere Spiritualität. Eine, die nicht dauernd versucht, dem Dunklen zu entkommen. Eine, die den Menschen nicht vom Menschsein erlösen will. Eine, die nicht ständig nach Erleuchtung jagt, sondern nach Wahrhaftigkeit. Vielleicht ist Spiritualität am Ende gar nicht die Kunst, außergewöhnlich zu werden. Vielleicht ist sie die Kunst, endlich echt zu werden.