Gunnar Drucklieb • 31. März 2024

Spirituelles Bypassing und Seminar Hopping im Zusammenhang mit einer tiefgreifenden Betrachtung aus der Sicht der "Radikalen Erlaubnis" von Mike Hellwig

In der heutigen Zeit des ständigen Wandels und der Reizüberflutung suchen viele Menschen nach Antworten und Orientierung. Spirituelle Lehren und Seminare bieten hier eine scheinbar einfache Lösung, um die eigenen Probleme zu lösen und ein glücklicheres Leben zu führen. Doch was passiert, wenn diese Techniken zur Vermeidung von unangenehmen Emotionen und Erfahrungen missbraucht werden? In diesem ausführlichen Aufsatz möchte ich die Themen "spirituelles Bypassing" und "Seminar Hopping" aus der Sicht des Konzeptes der "Radikalen Erlaubnis" von Mike Hellwig beleuchten.


Spirituelles Bypassing: Definition und Merkmale

Der Begriff "spirituelles Bypassing" wurde von John Welwood geprägt und beschreibt die Tendenz, spirituelle Praktiken und Lehren dazu zu nutzen, um negative Emotionen und Erfahrungen zu unterdrücken oder zu vermeiden. Anstatt sich den eigenen Schattenseiten und schmerzhaften Erfahrungen zu stellen, flüchtet man sich in spirituelle Konzepte wie Liebe, Licht und Positivität.

Typische Anzeichen für spirituelles Bypassing:

  • Verleugnung von negativen Emotionen: Gefühle wie Wut, Trauer und Angst werden ignoriert oder unterdrückt.
  • Fixierung auf positive Affirmationen: Ständiges Wiederholen von Mantras wie "Alles ist gut" oder "Ich bin Liebe", um negative Gedanken zu vertreiben.
  • Spiritualisierung von Problemen: Probleme werden als "Lernaufgaben" oder "Tests" interpretiert, anstatt sie als reale Herausforderungen anzuerkennen.
  • Urteilen über andere: Menschen, die negative Emotionen zeigen, werden als "unevoluiert" oder "nicht spirituell genug" verurteilt.


Spirituelles Bypassing kann zu folgenden negativen Folgen führen:

  • Verdrängung von Emotionen: Die unterdrückten Emotionen können sich auf andere Weise manifestieren, z. B. durch psychosomatische Beschwerden oder destruktives Verhalten.
  • Stagnation in der persönlichen Entwicklung: Die Vermeidung von Schattenanteilen verhindert die Integration wichtiger Erfahrungen und hindert die persönliche Weiterentwicklung.
  • Gefühl der Isolation: Die Verurteilung von negativen Emotionen kann zu einem Gefühl der Isolation und Einsamkeit führen.
  • Verlust der Authentizität: Die ständige Fokussierung auf Positivität kann zu einer unechten und oberflächlichen Lebensweise führen.


Seminar Hopping: Definition und Merkmale

Ähnlich verhält es sich beim "Seminar Hopping". Hierbei springen Menschen von einem Seminar zum nächsten, immer auf der Suche nach der ultimativen Lösung für ihre Probleme. Anstatt sich auf einen tiefen Prozess der Selbsterkenntnis und Veränderung einzulassen, werden oberflächlich verschiedene Techniken und Lehren ausprobiert.

Typische Anzeichen für Seminar Hopping:

  • Suche nach der "perfekten" Methode: Die ständige Suche nach neuen Techniken und Lehren, die ein sofortiges Ergebnis versprechen.
  • Oberflächliches Anwenden von Techniken: Die gelernten Techniken werden nicht konsequent und tiefgreifend genug angewendet, um eine nachhaltige Veränderung zu bewirken.
  • Unzufriedenheit mit den Ergebnissen: Die ständige Suche nach neuen Seminaren zeugt von einer Unzufriedenheit mit den bisherigen Ergebnissen.
  • Verlust des Vertrauens in die eigene Entwicklung: Das ständige Vergleichen mit anderen und der Glaube an eine "bessere" Methode führen zu einem Verlust des Vertrauens in die eigene Entwicklung.

Seminar Hopping kann zu folgenden negativen Folgen führen:

  • Verwirrung und Orientierungslosigkeit: Die Vielzahl von Techniken und Lehren kann zu einer Verwirrung und Orientierungslosigkeit führen.
  • Oberflächliche Selbsterkenntnis: Die ständige Suche nach neuen Erfahrungen verhindert eine tiefgreifende Selbsterkenntnis und Veränderung.
  • Zeit- und Geldverschwendung: Die Teilnahme an vielen Seminaren kann viel Zeit und Geld kosten.
  • Enttäuschung und Frustration: Die unrealistischen Erwartungen an die Seminare können zu Enttäuschung und Frustration führen.

 

Radikale Erlaubnis: Ein alternativer Weg zur Heilung

Das Konzept der "Radikalen Erlaubnis" von Mike Hellwig bietet einen alternativen Weg zur persönlichen Entwicklung. Anstatt negative Emotionen und Erfahrungen zu vermeiden, geht es darum, diese radikal zuzulassen und anzunehmen. Dies bedeutet, dass wir uns unseren Ängsten, Schmerzen und Wut stellen und diese als Teil unserer selbst akzeptieren. Durch diese Akzeptanz können wir uns von unseren inneren Blockaden befreien und ein tiefes Gefühl von Frieden und Selbstliebe erfahren

Das Konzept der "Radikalen Erlaubnis" von Mike Hellwig basiert auf folgenden Grundprinzipien:

  • Akzeptanz aller Emotionen: Alle Emotionen, ob positiv oder negativ, sind willkommen und werden wertfrei wahrgenommen.
  • Annahme der eigenen Schattenseiten: Die eigenen Schattenseiten werden nicht verurteilt, sondern als Teil der eigenen Persönlichkeit akzeptiert.
  • Verantwortung für die eigenen Erfahrungen: Die Verantwortung für die eigenen Erfahrungen wird übernommen, anstatt die Schuld auf andere oder äußere Umstände zu schieben.
  • Mitgefühl für sich selbst und andere: Mitgefühl und Verständnis werden sowohl für sich selbst als auch für andere entwickelt.


Die Praxis der radikalen Erlaubnis:

Die Praxis der radikalen Erlaubnis kann auf verschiedene Weise erfolgen:

  • Meditation: In der Meditation können wir lernen, unsere Emotionen und Gedanken zu beobachten, ohne sie zu bewerten.
  • Achtsamkeit: Achtsamkeitsübungen helfen uns, im gegenwärtigen Moment zu bleiben und unsere Erfahrungen wertfrei wahrzunehmen.
  • Selbstreflektion: Durch Selbstreflektion können wir unsere Schattenseiten und Glaubenssätze erkennen und hinterfragen.
  • Schattenarbeit: In der Schattenarbeit können wir uns unseren Ängsten und schmerzhaften Erfahrungen stellen und diese integrieren.


Vorteile der radikalen Erlaubnis:

Die radikale Erlaubnis kann zu folgenden Vorteilen führen:

  • Tiefere Selbsterkenntnis: Durch die Akzeptanz aller Emotionen und Erfahrungen können wir uns selbst besser verstehen.
  • Persönliches Wachstum: Die Integration der Schattenseiten führt zu einem reiferen und selbstbewussteren Persönlichkeitsbild.
  • Innere Freiheit: Die Befreiung von negativen Emotionen und Gedanken führt zu einem Gefühl von innerer Freiheit und Frieden.
  • Verbesserte Beziehungen: Mitgefühl und Verständnis für sich selbst und andere führen zu verbesserten Beziehungen.


Herausforderungen der radikalen Erlaubnis:

Die radikale Erlaubnis kann auch mit folgenden Herausforderungen verbunden sein:

  • Konfrontation mit unangenehmen Emotionen: Die Konfrontation mit den eigenen Schattenseiten kann schmerzhaft und unangenehm sein.
  • Verzicht auf Kontrolle: Die Akzeptanz von Unvorhersehbarem und Unkontrollierbarem kann Angst und Unsicherheit hervorrufen.
  • Geduld und Beharrlichkeit: Die Entwicklung von radikaler Erlaubnis erfordert Geduld und Beharrlichkeit.
  • Missverständnisse: Die radikale Erlaubnis kann von anderen Menschen missverstanden und als Passivität oder Gleichgültigkeit interpretiert werden.


Fallbeispiel 1:

Anna leidet unter Angstzuständen. Sie hat bereits an verschiedenen Seminaren teilgenommen und verschiedene Techniken ausprobiert, um ihre Angst zu überwinden. Doch die Angst kehrt immer wieder zurück.

Mit Hilfe der radikalen Erlaubnis lernt Anna, ihre Angst zuzulassen und anzunehmen. Sie beobachtet ihre Angstgefühle und Gedanken, ohne sie zu bewerten. Durch die Akzeptanz ihrer Angst kann Anna diese allmählich besser verstehen und integrieren. Mit der Zeit werden die Angstzustände schwächer und Anna gewinnt mehr Lebensqualität.

Fallbeispiel 2:

Lukas befindet sich in einer schwierigen Beziehung. Er ist ständig frustriert und wütend auf seinen Partner.

Mit Hilfe der radikalen Erlaubnis lernt Lukas, seine Wut zuzulassen und seinen Partner so zu akzeptieren, wie er ist. Er erkennt, dass seine Wut auch mit seinen eigenen Schattenseiten zusammenhängt. Durch die Akzeptanz seiner Emotionen und die Arbeit an seinen Schattenseiten kann Lukas seine Beziehung verbessern.


Zusammenfassende Betrachtung:

Spirituelles Bypassing und Seminar Hopping können auf den ersten Blick wie hilfreiche Strategien zur Bewältigung von Lebenskrisen erscheinen. Bei genauerer Betrachtung erweisen sie sich jedoch oft als Vermeidungsmechanismen, die uns von der eigentlichen Heilung abhalten. Das Konzept der Radikalen Erlaubnis bietet einen alternativen Weg, der auf Annahme und Integration basiert. Indem wir uns unseren Ängsten und Schattenseiten stellen, können wir zu einem tiefen inneren Frieden und wahrer Selbstliebe finden.


von gdrucklieb • 15. September 2026
Wir haben uns in unserer modernen Welt daran gewöhnt, den Menschen aufzuteilen. Da ist der Körper, für den die Medizin zuständig ist. Da ist die Psyche, mit der wir zum Psychologen oder Psychotherapeuten gehen. Und irgendwo daneben befindet sich noch etwas, das wir Seele, Geist oder Spiritualität nennen und für das unsere Gesellschaft keinen ganz eindeutigen Ort mehr kennt. Diese Aufteilung ist praktisch und hat zweifellos dazu beigetragen, dass wir Krankheiten heute erkennen und behandeln können, an denen Menschen früher gestorben wären. Und doch entsteht dadurch ein merkwürdiges Bild vom Menschen, als bestünden wir aus verschiedenen Abteilungen, die möglichst wenig miteinander zu tun haben. Der Begriff Psychosomatik beginnt bereits, diese Trennung wieder infrage zu stellen. „Psyche“ und „Soma“, Seele beziehungsweise Geist und Körper, werden miteinander in Beziehung gesetzt. Wir wissen heute sehr genau, dass chronischer Stress nicht nur ein Gedanke ist. Angst findet nicht ausschließlich im Kopf statt. Trauer ist keine rein geistige Angelegenheit. All diese Erfahrungen verändern unseren Körper. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Schlaf, Verdauung, hormonelle Prozesse und das autonome Nervensystem reagieren auf die Welt, in der wir leben, und auf die Art, wie wir diese Welt erleben. Ebenso wirkt der Körper zurück auf unser seelisches Erleben. Der Mensch ist kein Geist, der zufällig in einem Körper wohnt. Er ist ein lebendiges Ganzes. Und genau an dieser Stelle wird Psychosomatik aus schamanischer Sicht interessant. Denn in einem schamanisch geprägten Weltverständnis ist die Vorstellung eines isolierten Menschen ohnehin fremd. Der Mensch existiert nicht unabhängig von seiner Umgebung, seiner Gemeinschaft, seiner Geschichte und seinen Beziehungen. Er steht in Verbindung. Mit anderen Menschen, mit seiner Herkunft, mit den Tieren, Pflanzen und Landschaften, mit den Erfahrungen seines Lebens und schließlich auch mit jenen Bereichen seiner Existenz, für die unsere Sprache manchmal nur unzureichende Begriffe besitzt. Wenn wir den Menschen auf diese Weise betrachten, erscheint die Vorstellung plötzlich gar nicht mehr besonders außergewöhnlich, dass seelische Erfahrungen körperliche Spuren hinterlassen können. Wir kennen das schließlich alle aus unserem eigenen Leben. Angst kann uns den Magen zusammenziehen. Eine Nachricht kann uns im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen wegziehen. Trauer kann sich wie ein Gewicht auf die Brust legen. Unter dauerhafter Anspannung ziehen wir die Schultern hoch, pressen die Zähne zusammen oder schlafen schlecht. Niemand würde ernsthaft behaupten, diese körperlichen Reaktionen seien eingebildet. Der Körper nimmt an unserem Leben teil. Er erlebt unsere Geschichte mit. Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Krankheit eine verborgene spirituelle Botschaft enthält. Gerade an dieser Stelle halte ich Vorsicht für notwendig. Mir begegnet in spirituellen Zusammenhängen immer wieder die Vorstellung, man müsse bei einer Erkrankung lediglich herausfinden, „was die Seele damit sagen möchte“. Rückenschmerzen werden dann zum Zeichen dafür, dass jemand zu viel trägt, Hauterkrankungen zu einem vermeintlichen Abgrenzungsproblem und schwere Erkrankungen schlimmstenfalls zum Ausdruck eines ungelösten seelischen Konflikts erklärt. Solche Deutungen können nicht nur medizinisch falsch sein, sondern für Erkrankte ausgesprochen verletzend werden. Denn plötzlich trägt ein Mensch neben seiner Krankheit auch noch die Vorstellung mit sich herum, er habe sie auf irgendeine Weise selbst verursacht. Eine schamanische Betrachtung, wie ich sie verstehe, sollte einen Menschen nicht kleiner machen und ihm keine Schuld geben. Sie sollte seinen Blick erweitern. Wenn mein Körper erkrankt, gehört deshalb zunächst die körperliche Ebene ernst genommen. Eine Infektion bleibt eine Infektion. Ein Bandscheibenvorfall bleibt ein Bandscheibenvorfall. Eine Autoimmunerkrankung lässt sich nicht dadurch wegdeuten, dass wir eine symbolische Erklärung für sie finden. Medizinische Diagnostik und Behandlung haben ihren Platz, und schamanische Arbeit sollte nicht versuchen, diesen Platz einzunehmen. Doch damit muss unsere Betrachtung des Menschen nicht enden. Wir können zusätzlich fragen, wie es diesem Menschen eigentlich in seinem Leben geht. Unter welchem Druck steht er? Wie schläft er? Welche Beziehungen nähren ihn und welche erschöpfen ihn? Wann hat er zuletzt wirkliche Ruhe erlebt? Gibt es Trauer, die keinen Raum bekommen hat? Gibt es Angst? Lebt dieser Mensch noch in einem Rhythmus, der seinem eigenen Wesen entspricht, oder funktioniert er seit Jahren gegen sich selbst? Hat er das Gefühl, zu seinem Leben zu gehören, zu anderen Menschen, zur Natur und letztlich zu sich selbst? Das Entscheidende dabei ist das Wort „zusätzlich“. Denn damit verändert sich die Perspektive. Wir suchen nicht mehr nach einer geheimen psychischen Ursache für jedes körperliche Leiden. Wir betrachten stattdessen das gesamte Geflecht, in dem ein Mensch lebt. Aus schamanischer Sicht würde ich dieses Geflecht noch weiter fassen. Unsere moderne Kultur hat Verbindung zu etwas gemacht, das wir offenbar gelegentlich herstellen müssen. Wir fahren am Wochenende in die Natur, um „wieder Verbindung zu bekommen“. Wir meditieren, um „bei uns anzukommen“. Wir besuchen Seminare, um unseren Körper wieder zu spüren. Allein diese Formulierungen erzählen bereits eine erstaunliche Geschichte. Offenbar empfinden viele Menschen ihren gewöhnlichen Alltag als einen Zustand, in dem genau diese Verbindung nicht selbstverständlich vorhanden ist. Ein schamanisches Weltverständnis würde die Frage möglicherweise vollkommen anders stellen. Nicht: Wie stelle ich Verbindung her? Sondern: Wie konnte ich vergessen, dass ich verbunden bin? Damit bekommt auch der Körper eine andere Bedeutung. Er ist nicht nur das biologische Fahrzeug, das uns möglichst störungsfrei durch unseren Alltag transportieren soll. Er ist die unmittelbarste Form unserer Beziehung zur Welt. Durch ihn frieren wir im Wind, riechen Erde nach einem Regenschauer, spüren die Hand eines anderen Menschen, erleben Angst, Lust, Erschöpfung, Geborgenheit und Schmerz. Der Körper befindet sich immer in der Gegenwart. Unser Denken kann zwanzig Jahre zurückreisen oder sich Sorgen über die nächsten zehn Jahre machen. Der Körper sitzt währenddessen hier. Das macht ihn auf eine eigenartige Weise ehrlich. Nicht unfehlbar und nicht mystisch allwissend, aber ehrlich in seiner Reaktion. Wer über Monate unter Spannung lebt, kann irgendwann feststellen, dass sein Körper diese Spannung längst übernommen hat. Die Schultern sind hochgezogen, der Kiefer angespannt, die Atmung flach. Der Mensch sagt möglicherweise noch: „Es geht schon.“ Sein Körper erzählt gleichzeitig: „Es ist viel.“ Darin liegt für mich eine der interessantesten Brücken zwischen moderner Psychosomatik und einer schamanischen Betrachtung des Menschen. Wir müssen den Körper nicht mystifizieren, um ihm zuzuhören. Und Zuhören bedeutet nicht automatisch Interpretieren. Wenn ich während einer schamanischen Arbeit meinen Körper bewusst wahrnehme und eine Enge in meiner Brust entdecke, muss ich daraus nicht sofort eine große Geschichte machen. Ich kann zunächst bei dieser Wahrnehmung bleiben. Wie fühlt sie sich an? Wann kenne ich dieses Gefühl? Was geschieht, wenn ich ihm Raum gebe? Welche Erinnerung taucht auf? Welches Bild? Welche Emotion? Oder geschieht überhaupt nichts? Manchmal ist eine Spannung eben eine Spannung. Und manchmal öffnet sich dahinter eine ganze Landschaft. Genau diese Offenheit scheint mir wesentlich zu sein. Der schamanische Weg muss nicht darin bestehen, für jedes Symptom eine Erklärung zu besitzen. Im Gegenteil. Eine ernsthafte spirituelle Praxis sollte unsere Fähigkeit erhöhen, das Nichtwissen auszuhalten. Wir begegnen dem, was da ist, bevor wir entscheiden, was es bedeutet. Dadurch verändert sich auch unser Verhältnis zu Krankheit. Krankheit ist dann weder Feind noch automatisch Lehrer. Auch die häufig gehörte spirituelle Behauptung, jede Krankheit sei eine Chance, empfinde ich als problematisch. Wer starke Schmerzen hat, schwer erkrankt ist oder um sein Leben fürchtet, braucht nicht zwingend jemanden, der ihm erklärt, welches Wachstumspotenzial darin verborgen liegt. Krankheit darf zunächst einfach Krankheit sein. Schmerz darf Schmerz sein. Und dennoch können wir uns fragen, was diese Erfahrung mit unserem Leben macht. Nicht: „Warum habe ich diese Krankheit erschaffen?“ Sondern: „Was zeigt mir mein gegenwärtiges Leben über mich?“ Das ist eine vollkommen andere Frage. Sie enthält keine Schuld. Sie öffnet einen Raum. Möglicherweise liegt genau dort die schamanische Dimension der Psychosomatik. Nicht in einer Tabelle, in der jedem Organ eine seelische Bedeutung zugeordnet wird. Nicht in der Behauptung, man könne Krankheiten durch die richtige spirituelle Erkenntnis beseitigen. Sondern in der Rückkehr zu einem Menschenbild, das den Menschen nicht auseinanderreißt. Körper, Psyche, Beziehungen, Biografie, Gemeinschaft, Landschaft und Spiritualität sind keine voneinander hermetisch abgeschlossenen Räume. Sie berühren und beeinflussen einander. Manche dieser Zusammenhänge können wir wissenschaftlich sehr gut beschreiben. Andere erleben wir subjektiv. Und wieder andere bleiben geheimnisvoll. Ein schamanischer Weg muss dieses Geheimnis nicht auflösen. Er kann uns vielmehr lehren, darin wieder aufmerksam zu werden. Wir müssen dafür nicht zurück in eine Vergangenheit, in der Krankheit ausschließlich mit Geistern, Flüchen oder unsichtbaren Mächten erklärt wurde. Ebenso wenig müssen wir in einem Menschenbild verharren, in dem der Körper lediglich eine Maschine ist, deren defektes Bauteil repariert werden muss. Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein erstaunlich weiter Raum. Dort steht wieder ein Mensch. Ein Mensch mit einem Körper, einer Geschichte, Beziehungen, Ängsten, Erinnerungen, Wünschen und einer tiefen biologischen Zugehörigkeit zu dieser Welt. Ein Mensch, dessen Körper nicht gegen ihn arbeitet, nur weil er Symptome entwickelt. Und auch kein Körper, dessen jedes Symptom entschlüsselt werden müsste wie eine geheime Nachricht.  Manchmal braucht der Körper Medizin. Manchmal braucht die Psyche Unterstützung. Manchmal braucht ein Mensch Ruhe, Berührung, Gemeinschaft, Natur, Trauer, ein Ritual oder schlicht jemanden, der wirklich zuhört. Und manchmal braucht er mehrere dieser Dinge gleichzeitig. Für mich beginnt genau dort eine schamanische Sicht auf Psychosomatik: nicht mit der Suche nach einer spirituellen Erklärung für Krankheit, sondern mit der Erinnerung daran, dass der Mensch nie aus voneinander getrennten Einzelteilen bestanden hat. Dass unser Körper unsere Lebensgeschichte begleitet, unsere Umwelt auf uns wirkt und unser inneres Erleben nicht irgendwo außerhalb unserer Biologie stattfindet. Heilung bedeutet dann nicht zwangsläufig, dass jedes Symptom verschwindet. Heilung kann auch bedeuten, wieder in Beziehung zu kommen – zum eigenen Körper, zur eigenen Geschichte, zu anderen Menschen und zu jener lebendigen Welt, von der wir nie wirklich getrennt waren.
von Gunnar Drucklieb • 31. August 2026
Können wir in Europa echte Schamanen sein?